*Inhalt* Gedanken im Kriege .......... 7 Friedrich und die große Koalition ... 33 An die Redaktion des „Svenska Dagbladet“, Stockholm ..... 119 Gedanken im Kriege Im Gebrauch der Schlagworte „Kultur“ und „Zivilisation“ herrscht, namentlich in der Tagespresse — und zwar der des In- und Auslandes —, große Ungenauigkeit und Willkür. Oft scheint man sie einfach als gleichbedeutend zu verwechseln, oft sieht es auch aus, als ob man das erstere für eine Steigerung des anderen halte, oder auch umgekehrt, — es bleibt ungewiß, welcher Zustand nun eigentlich für den höheren und edleren gilt. Für meine Person habe ich mir die Begriffe folgendermaßen zurechtgelegt. Zivilisation und Kultur sind nicht nur nicht ein und dasselbe, sondern sie sind Gegensätze, sie bilden eine der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspieles von Geist und Natur. Niemand wird leugnen, daß etwa Mexiko zur Zeit seiner Entdeckung Kultur besaß, aber niemand wird behaupten, daß es damals zivilisiert war. Kultur ist offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei; sie ist vielmehr oft genug nur eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen. Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. Kultur kann Orakel, Magie, Päderastie, Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Inquisition, Autodafés, Veitstanz, Hexenprozesse, Blüte des Giftmordes und die buntesten Greuel umfassen. Zivilisation aber ist Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptisierung, Auflösung, — Geist. Ja, der Geist ist zivil, ist bürgerlich: er ist der geschworene Feind der Triebe, der Leidenschaften, er ist antidämonisch, antiheroisch, und es ist nur ein scheinbarer Widersinn, wenn man sagt, daß er auch antigenial ist. Das Genie, namentlich in der Gestalt des künstlerischen Talentes, mag wohl Geist und die Ambition des Geistes besitzen, es mag glauben, durch Geist an Würde zu gewinnen, und sich seiner zu Schmuck und Wirkung bedienen, — das ändert nichts daran, daß es nach Wesen und Herkunft ganz und gar auf die andere Seite gehört, — Ausströmung ist einer tieferen, dunkleren und heißeren Welt, deren Verklärung und stilistische Bändigung wir Kultur nennen. Die Verwechselung des Geistigen, des Intellektualistischen, Sinnigen, ja Witzigen mit dem Genialen ist zwar modern; wir alle neigen ihr zu. Doch bleibt sie ein Irrtum. Wie sehr das Verhältnis zwischen Geist und Kunst das der Irrelevanz ist, hat Gontscharow einmal heiter und einfach ausgedrückt, indem er irgendeinen Redakteur einem schreibenden Dilettanten auf dessen Zusendung antworten läßt: „Sie haben viel Geist, aber Sie haben kein Talent. Und die Literatur kann nur Talent brauchen.“ Kunst, wie alle Kultur, ist die Sublimierung des Dämonischen. * Ihre Zucht ist strenger als Gesittung, ihr Wissen tiefer als Aufklärung, ihre Ungebundenheit und Unverantwortlichkeit freier als Skepsis, ihre Erkenntnis nicht Wissenschaft, sondern Sinnlichkeit und Mystik. Denn die Sinnlichkeit ist mystischen Wesens, wie alles Natürliche. Goethe, für dessen Naturforschung Helmholtz die Bezeichnung „naturwissenschaftliche Ahnungen“ wählte, spürte des Nachts in seinem Schlafzimmer zu Weimar auf irgendeine natürlich-mystische Art das Erdbeben von Messina. „Hört, Goethe schwärmt!“ sagten die Damen des Hofes, als er sein dämonisches Wissen verlautbarte und es für Beobachtung und Schlußfolgerung auszugeben versuchte. Aber nach Tagen kam die Kunde der Katastrophe. Dieser dämonischste Deutsche und kultivierteste Sohn der Natur, der je lebte, mußte sich nicht nur aus Ordnungssinn kalt verhalten gegen die französische Revolution, sondern namentlich, weil sie so ganz ein Werk des zivilisierenden Geistes war. Und die Kunst also? Ist sie eine Angelegenheit der Zivilisation oder der Kultur? Wir zögern nicht mit der Antwort. Die Kunst ist fern davon, an Fortschritt und Aufklärung, an der Behaglichkeit des Gesellschaftsvertrages, kurz, an der Zivilisierung der Menschheit innerlich interessiert zu sein. Ihre Humanität ist durchaus unpolitischen Wesens, ihr Wachstum unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen. Fanatismus und Aberglaube haben nicht ihr Gedeihen beeinträchtigt, wenn sie es nicht begünstigten, und ganz sicher steht sie mit den Leidenschaften und der Natur auf vertrauterem Fuße, als mit der Vernunft und dem Geiste. Wenn sie sich revolutionär gebärdet, so tut sie es auf elementare Art, nicht im Sinne des Fortschritts. Sie ist eine erhaltende und formgebende, keine auflösende Macht. Man hat sie geehrt, indem man sie der Religion und der Geschlechtsliebe für verwandt erklärte. Man darf sie noch einer anderen Elementar- und Grundmacht des Lebens an die Seite stellen, die eben wieder unsern Erdteil und unser aller Herzen erschüttert: ich meine den Krieg. Sind es nicht völlig gleichnishafte Beziehungen, welche Kunst und Krieg miteinander verbinden? Mir wenigstens schien von jeher, daß es der schlechteste Künstler nicht sei, der sich im Bilde des Soldaten wiedererkenne. Jenes siegende kriegerische Prinzip von heute: Organisation — es ist ja das erste Prinzip, das Wesen der Kunst. Das Ineinanderwirken von Begeisterung und Ordnung; Systematik; das strategische Grundlagen schaffen, weiter bauen und vorwärts dringen mit „rückwärtigen Verbindungen“; Solidität, Exaktheit, Umsicht; Tapferkeit, Standhaftigkeit im Ertragen von Strapazen und Niederlagen, im Kampf mit dem zähen Widerstand der Materie; Verachtung dessen, was im bürgerlichen Leben „Sicher- heit“ heißt („Sicherheit“ ist Lieblingsbegriff und lauteste Forderung des Bürgers), die Gewöhnung an ein gefahrloses, gespanntes, achtsames Leben; Schonungslosigkeit gegen sich selbst, moralischer Radikalismus, Hingebung bis aufs Aeußerste, Blutzeugenschaft, voller Einsatz aller Grundkräfte Leibes und der Seele, ohne welchen es lächerlich scheint, irgend etwas zu unternehmen; als ein Ausdruck der Zucht und Ehre endlich Sinn für das Schmucke, das Glänzende: Dies alles ist in der Tat zugleich militärisch und künstlerisch. Mit großem Recht hat man die Kunst einen Krieg genannt, einen aufreibenden Kampf: schöner noch steht ihr das deutscheste Wort, das Wort „Dienst“ zu Gesicht, und zwar ist der Dienst des Künstlers dem des Soldaten viel näher verwandt als dem des Priesters. Die literarisch gern kultivierte Antithese von Künstler und Bürger ist als romantisches Erbe gekennzeichnet worden, — nicht ganz verständnisvoll, wie mir scheint. Denn nicht dies ist der Gegensatz, den wir meinen: Bürger und Zigeuner, sondern der vielmehr: Zivilist und Soldat. Wie die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde! Und sie hatten den Frieden zu lieben geglaubt, sie hatten ihn wirklich geliebt, ein jeder nach seiner Menschlichkeit, der eine auf Bauernart, der andere aus Sanftmut und deutscher Bildung. Nun sangen sie wie im Wettstreit den Krieg, frohlockend, mit tief aufquellendem Jauchzen — als hätte ihnen und dem Volke, dessen Stimme sie sind, in aller Welt nichts Besseres, Schöneres, Glücklicheres widerfahren können, als daß eine verzweifelte Übermacht von Feindschaft sich endlich gegen dies Volk erhob; und auch dem Höchsten, Berühmtesten unter ihnen kam Dank und Gruß an den Krieg nicht wahrer von Herzen als jenem Braven, der in einem Tageblatt seinen Kraftgesang mit dem Ausruf begann: „Ich fühle mich wie neu geboren!“ Es wäre leichtfertig und ist völlig unerlaubt, dies Verhalten der Dichter auch nur in den untersten, bescheidensten Fällen als Neugier, Abenteurertum und bloße Lust an der Emotion zu deuten. Auch waren sie niemals Patrioten im Hurra-Sinne und „Imperialisten“, schon deshalb nicht, weil sie selten Politiker sind — nach außen selten und kaum nach innen, so daß auch die Wunder und Paradoxien, welche der Krieg sogleich im Lande zeitigte: das brüderliche Zusammenarbeiten von Sozialdemokratie und Militärbehörde etwa, jene phantastische Neuheit der inneren Lage, die einen radikalen Literaten zu dem Ausruf begeisterte: „Unter der Militärdiktatur ist Deutschland frei geworden!“ — daß auch dies alles den Dichtern wohl keine Lieder gemacht haben würde. Aber wenn nicht Politiker, so sind sie doch stets etwas anderes: sie sind Moralisten. Denn Politik ist eine Sache der Vernunft, der Demokratie und der Zivilisation; Moral aber eine solche der Kultur und der Seele. Erinnern wir uns des Anfangs — jener nie zu vergessenden ersten Tage, als das nicht mehr für möglich Gehaltene hereinbrach! Wir hatten an den Krieg nicht geglaubt, unsere politische Einsicht hatte nicht ausgereicht, die Notwendigkeit der europäischen Katastrophe zu erkennen. Als sittliche Wesen aber — ja, als solche hatten wir die Heimsuchung kommen sehen, mehr noch: auf irgendeine Weise ersehnt; hatten im tiefsten Herzen gefühlt, daß es so mit der Welt, mit unserer Welt nicht mehr weitergehe. Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens und der cancanierenden Gesittung — besser, quälend viel besser als die Männer, deren furchtbare, weit über ihre persönliche Größe hinausgehende Sendung es war, den Brand zu entfesseln: Mit unseren Nerven, unserer Seele hatten wir tiefer an dieser Welt zu leiden vermocht als sie. Gräßliche Welt, die nun nicht mehr ist — oder doch nicht mehr sein wird, wenn das große Wetter vorüberzog! Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? Wäre sie nur anarchisch, nur ohne Kompaß und Glauben, nur wüstlich-vergnüglich gewesen, es hätte hingehen mögen. Aber ein geiler Mißbrauch eben jener Widerstände und Entseuchungsmittel, die sie aus sich hervorzubringen suchte, machte ihre Abscheulichkeit vollkommen. Eine sittliche Reaktion, ein moralisches Wiederfestwerden hatte eingesetzt oder bereitete sich vor; ein neuer Wille, das Verworfene zu verwerfen, dem Abgrund die Sympathie zu kündigen, ein Wille zur Geradheit, Lauterkeit und Haltung wollte Gestalt werden: Grund genug für alles kluge Lumpen- schmack, ebendies für das Neueste zu erklären und sich beizeiten darüber herzumachen. Äußerster Grad von Ratlosigkeit: Die Moral ward zur Spielart der Korruption. Anständigkeit grassierte als Velleität, als drittes Wort und Unmöglichkeit, Elende spreizten sich ethisch, und während der Schlechte aus Geist das Gute vertrat, so daß ein Greuel daraus wurde, setzten Gute aus Unsicherheit und Verwirrung sich für das Schlechte ein. Ist es zuviel gesagt, daß es kein Kriterium des Echten, nicht Mut noch Möglichkeit zur Verdammung mehr gab, daß buchstäblich niemand mehr aus noch ein wußte? Würde? Aber sie war Hochstapelei und Snobismus. Infamie? Aber sie hatte Talent; sie gab überdies zu verstehen, daß sie ein Opfer, eine schmutzige und blutige Form der Generosität selber sei, und sie fächelte sich vor Eitelkeit unter dem Beifall derer, die nur eine Sorge kennen: den Anschluß nicht zu versäumen. Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte! Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheuere Hoffnung. Hiervon sagten die Dichter, nur hiervon. Was ist ihnen Imperium, was Handelsherrschaft, was überhaupt der Sieg? Unsere Siege, die Siege Deutschlands — mögen sie uns auch die Tränen in die Augen treiben und uns nachts vor Glück nicht schlafen lassen, so sind doch nicht sie bisher besungen worden, man achte darauf, es gab noch kein Siegeslied. Was die Dichter begeisterte, war der Krieg an sich selbst, als Heimsuchung, als sittliche Not. Es war der nie erhörte, der gewaltige und schwärmerische Zusammenschluß der Nation in der Bereitschaft zu tiefster Prüfung — einer Bereitschaft, einem Radikalismus der Entschlossenheit, wie die Geschichte der Völker sie vielleicht bisher nicht kannte. Aller innere Haß, den der Komfort des Friedens hatte giftig werden lassen — wo war er nun? Eine Utopie des Unglücks stieg auf … „Da wir umringt sind, da unserem Gewerbefleiß die Zufuhr an Rohstoffen abgeschnitten und das Volk ohne Arbeit und Brot sein wird, so werden wir ungeheure Vermögenssteuern ausschreiben, Abgaben der Reichen bis zu zwei Dritteln, nein, bis zu neun Zehnteln ihres Besitzes, eine deutsche Kommune, freiwillig und voll Ordnung, wird sein, damit Deutschland bestehe.“ Das war das mindeste. Und als dann die ersten Entscheidungen fielen, als die Flaggen flogen, die Völker dröhnten und den Siegeszug unseres Volksheeres bis vor die Tore von Paris verkündeten — war nicht fast etwas wie Enttäuschung, wie Ernüchterung zu spüren, als gehe es zu gut, zu leicht, als bringe die Erfolglosigkeit unserer Feinde uns um unsere schönsten Träume? Unbesorgt! Wir stehen am Anfang, wir werden um keine Prüfung betrogen sein. Friedrich, nach allen Heldentaten, war im Begriffe, unterzugehen, als ein gutes Glück, der russische Thronwechsel, ihn rettete. Und Deutschland ist heute Friedrich der Große. Es ist sein Kampf, den wir zu Ende zu führen, den wir noch einmal zu führen haben. Die Koalition hat sich ein wenig verändert, aber es ist sein Europa, das im Haß verbündete Europa, das uns nicht dulden, das ihn, den König, noch immer nicht dulden will, und dem noch einmal in zäher Ausführlichkeit, in einer Ausführlichkeit von sieben Jahren vielleicht, bewiesen werden muß, daß es nicht angängig ist, ihn zu beseitigen. Es ist auch seine Seele, die in uns aufgewacht ist, diese nicht zu besiegende Mischung von Affinität und durchhaltender Geduld, dieser moralische Radikalismus, der ihn den anderen so widerwärtig zugleich und entsetzlich, wie ein fremdes und bösartiges Tier, erscheinen ließ. Sie wußten nichts von seiner Unbedingtheit — wie sollten sie, da es für sie nicht um Tod und Leben ging —: das war sein sittlicher Vorteil. Auch ist nicht glaubhaft, daß ihnen heute die Tiefe deutscher Entschlossenheit zugänglich sein sollte, — die einen sind zu weit verbürgerlicht, die andern zu roh und dumpf, um ihrer fähig zu sein. Aber heute ist Friedrich so stark geworden, daß auch die anderen, auch sie, um ihr Leben kämpfen — und sie sind drei gegen den einen. Unbesorgt! Wir werden geprüft werden. Deutschlands Sieg wird ein Paradoxon sein, ja ein Wunder, ein Sieg der Seele über die Mehrzahl — ganz desgleichen. Der Glaube an ihn ist wider alle Vernunft, — daß Deutschland fest und gelassen ist in diesem Glauben, das ist des Wunders Anfang, unvergeßbar schon er für alle Geschichte. Den Sieg aber seelisch vorwegnehmen, hieße, uns um die sittlichen Früchte des Kampfes, ja um den Sieg selber bringen. Für jeden Verstand, nur für unser letztes Wissen nicht, ist unsere Lage verzweifelter als selbst die des Königs. Wir sind in Not, in tiefster Not. Und wir grüßen sie, denn sie ist es, die uns so hoch erhebt. Friedrich von Preußen hatte einen Freund, den er gleichermaßen bewunderte und verachtete, und der seinerseits den König bewunderte und haßte: Es war François Marie Arouet-de Voltaire, der Schriftsteller, — Großbürger und Sohn des Geistes, Vater der Aufklärung und aller antiheroischen Zivilisation. Was er über den Krieg schrieb, in seinen „Questions encyclopédiques“, hat den König zweifellos außerordentlich amüsiert und dialektisch ergötzt. Und dann rückte er in Sachsen ein. Abwechselnd nannte er Voltaire Phöbus Apoll und einen tollspieligen Hofnarren. Seit ich die beiden kenne, stehen sie vor mir als die Verkörperung des Gegensatzes, von dem diese Zeilen handeln. Voltaire und der König: Das ist Vernunft und Dämon, Geist und Genie, trockene Helligkeit und umwölktes Schicksal, bürgerliche Sittigung und heroische Pflicht; Voltaire und der König: das ist der große Zivilist und der große Soldat seit jeher und für alle Zeiten. Aber da wir den Gegensatz in nationalen Sinnbildern vor Augen haben, in den Figuren des zentralen, immer noch herrschenden Franzosen und des deutschen Königs, dessen Seele jetzt mehr als je in uns allen lebt, so gewinnt er selbst, dieser Gegensatz, nationalen Sinn und aufschließende Bedeutung für die Psychologie der Völker. Wir sind im Kriege, und was es für uns Deutsche „in diesem Kriege gilt“, das wußten wir gleich: es gilt rund und schlicht unser Recht, zu sein und zu wirken. Nicht ebenso zwanglos ergab sich für unsere westlichen Feinde eine polemische Formel, geeignet, ihrer Sache vor dem Urteil der Unbeteiligten und der Geschichte ein würdiges Ansehen zu geben. Und welche ist es denn nun, auf die sie sich geeinigt haben und die tagtäglich als Streitruf und Schmähung zu uns herüberschallt? Dieser Krieg, heißt es, sei ein Kampf der Zivilisation gegen — wogegen denn also? Nicht geradezu — „gegen die Barbarei“. Das ginge nicht recht. Es geht im Tumult so einmal mit hin, doch nicht auf die Dauer. Gewöhnlich zieht man es vor, zu schließen: „— gegen den Militarismus“. Nun ist diese Antithese: „Zivilisation gegen Militarismus“ natürlich nicht die Ursache des Krieges. Auch ist sie nicht einmal redlich und richtig, denn daß Zivilisation in ihrer politischen Erscheinung, ich meine, daß Demokratie und Militarismus einander nicht ausschließen, beweist ja Frankreich mit seinem Volksheer, oder es möchte dies doch beweisen. Auch dürfte man fragen, was denn die Armeen Österreichs und Italiens, was Englands Riesenflotte selbst eigentlich sei, wenn nicht „Militarismus“. Worauf die beleidigte Zivilisation höchstens antworten könnte, Deutschlands besonderer und exemplarischer Militarismus bestehe darin, daß es die beste Armee und, wie es jetzt scheint, auch die beste Flotte habe, — eine Erwiderung, an der denn auch etwas Zutreffendes wäre, nur daß darin Ursache und Wirkung oder, wenn man will, das Symptom mit der Krankheit verwechselt würde. Die Parole „Zivilisation gegen Militarismus“ — denn eine Parole ist es, wie man Wahlparolen hat, Abbreviaturen der Wirklichkeit, oberflächlich, populär und rückenstärkend — enthält allerdings eine tiefere Wahrheit, drückt eine internationale Fremdheit und Unheimlichkeit der deutschen Seele aus, die, wenn sie freilich nicht Ursache des Krieges ist, doch vielleicht diesen Krieg überhaupt erst möglich gemacht hat. Versuchen wir anzudeuten, welche Bewandtnis es damit hat. Nüchtern betrachtet, bleibt ja die Behauptung, Deutschland sei ein unzivilisiertes Land oder es sei doch weniger zivilisiert als Frankreich und England, eine gewagte und undankbare Position. Der englische Ministerpräsident hat zwar neulich geäußert: zugegeben, daß man der deutschen Kultur von früher her manches verdanke, so habe doch Deutschland in letzter Zeit hauptsächlich in der Herstellung von Mordwerkzeugen exzelliert. Allein Herr Asquith weiß ja selbst, daß das nur Geschwätz ist. Er tut agitationshalber, als ob die Vorzüglichkeit von Deutschlands kriegstechnischen Mitteln nicht einfach ein Merkmal unseres Niveaus überhaupt wäre; als ob nicht unsere Krankenhäuser, Volksschulen, wissenschaftlichen Institute, Luxusdampfer und Eisenbahnen ebenso gut wären wie unsere Kanonen und Torpedos; als ob unsere Kriegstechnik auf Kosten unserer sonstigen praktischen Kräfte hypertrophierte und nicht vielmehr Ausdruck einer Gesamthöhe wäre ... Was ist, was heißt noch „Zivilisation“, ist es mehr als eine leere Worthülse, wenn man sich erinnert, daß Deutschland mit seiner jungen und starken Organisation, seiner Arbeiterversicherung, der Fortgeschrittenheit aller seiner sozialen Einrichtungen ja in Wahrheit ein viel modernerer Staat ist als etwa die unsauber plutokratische Bourgeois-Republik, deren Kapitale noch heute als das „Mekka der Zivilisation“ verehrt zu werden beansprucht, — daß unser soziales Kaisertum eine zukünftigere Staatsform darstellt als irgendein Advokaten-Parlamentarismus, der, wenn er in Feierstimmung gerät, noch immer das Stroh von 1789 drischt? Ist nicht die bürgerliche Revolution im Sinne des gallischen Radikalismus eine Sackgasse, an deren Ende es nichts als Anarchie und Zersetzung gibt und die vermieden zu haben ein Volk, das Wege ins Freie und Lichte sucht, sich glücklich preisen muß? Eines ist wahr: Die Deutschen sind bei weitem nicht so verliebt in das Wort „Zivilisation“ wie die westlichen Nachbarnationen; sie pflegen weder französisch-renommistisch damit herumzufuchteln, noch sich seiner auf englisch-bigotte Art zu bedienen. Sie haben „Kultur“ als Wort und Begriff immer vorgezogen — warum doch? Weil dieses Wort rein menschlichen Inhaltes ist, während wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anklang spüren, der uns ernüchtert, der es uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges erscheinen läßt; weil dieses innerlichste Volk, dies Volk der Metaphysik, der Pädagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern *moralisch* orientiertes Volk ist. So hat es sich im politischen Fortschritt zur Demokratie, zur parlamentarischen Regierungsform oder gar zum Republikanismus zögernder und uninteressierter gezeigt als andere, — woraus man schließen zu müssen, zu dürfen geglaubt hat, und zwar nicht nur extra muros, daß diese Deutschen ein exemplarisch unrevolutionäres Volk, das eigentlich unrevolutionäre unter allen seien ... Warum nicht gar! Als ob nicht Luther und Kant die französische Revolution zum mindesten aufwögen. Als ob nicht die Emanzipation des Individuums vor Gott und die Kritik der reinen Vernunft ein weit radikalerer Umsturz gewesen wäre als die Proklamierung der „Menschenrechte“. — Mit unserem Moralismus aber hängt unser Soldatentum seelisch zusammen, ja, während andere Kulturen bis ins Feinste, bis in die Kunst hinein die Tendenz zeigen, völlig die Gestalt der zivilen Gesittung anzunehmen, ist der deutsche Militarismus in Wahrheit Form und Erscheinung der deutschen Moralität. Die deutsche Seele ist zu tief, als daß Zivilisation ihr ein Hochbegriff oder etwa der höchste gar sein könnte. Die Korruption und Unordnung der Verbürgerlichung ist ihr ein lächerlicher Greuel. Unter Pariser „Affären“ (deren letzte die Caillaux-Sache mit obligater Gerichts- farce war) würde sie entsetzlich leiden, — viel mehr, als Frankreichs Gemüt offenbar darunter leidet. Und dieselbe tiefe und instinktive Abneigung ist es, die sie dem pazifistischen Ideal der Zivilisation entgegenbringt: ist nicht der Friede das Element der zivilen Korruption, die ihr amüsant und verächtlich scheint? Sie ist kriegerisch aus Moralität, — nicht aus Eitelkeit und Gloriesucht oder Imperialismus. Noch der letzte der großen deutschen Moralisten, Nietzsche (der sich sehr irrtümlich den Immoralisten nannte), machte aus seinen kriegerischen, ja militärischen Neigungen kein Hehl. Zur *moralischen* Apologie des Krieges haben deutsche Geister das meiste und wichtigste beigetragen, und nur ein deutscher Dichter — freilich nur einer wiederum unter allen — konnte sprechen: „Denn der Mensch verkümmert im Frieden, Müßige Ruh ist das Grab des Muts. Das Gesetz ist der Freund des Schwachen, Alles will es nur eben machen, Möchte gern die Welt verflachen, Aber der Krieg läßt die Kraft erscheinen, Alles erhebt er zum Ungemeinen, Selber dem Feigen erzeugt er den Mut.“ Und also sucht Deutschland den Krieg? Also „hat es den Krieg gewollt?“ — Das hat es nicht. Händlertum hat ihn angestiftet, skrupellos, lästerlich, denn es weiß nichts vom Kriege, es fühlt und versteht ihn nicht, wie sollte es Ehrfurcht kennen vor seinen heiligen Schrecken? Daß ein Volk kriegerisch sein könne und dabei geduldig aufs äußerste, bis zum Rande der Demütigung, bis zur Gefährdung der Existenz selbst, — das deutsche Volk, einzig hierin unter allen, beweist es. Der Soldat aus Moralität ist kein Kampfhahn mit rasch schwellendem Kamm, kein hitzig hochfahrender Draufgänger. Ob aber ein Volk wahrhaft kriegerisch ist, zeigt sich daran, ob es sich, wenn der Krieg Schicksal wird, verschönt oder verzerrt. Deutschlands ganze Tugend und Schönheit — wir sahen es jetzt — entfaltet sich erst im Kriege. Der Friede steht ihm nicht immer gut zu Gesicht — man konnte im Frieden zuweilen vergessen, wie schön es ist. Fürchtet wer, daß der feierliche Kampf, den es um sein großes Lebensrecht führt, es in seiner Gesittung, seiner Kultur zurückwerfen könnte? Es wird freier und besser daraus hervorgehen, als es war. Aber sehen wir nicht auch, daß der Krieg die andern, die mit Auszeichnung zivilisierten Völker gemein und elend macht? Wo ist nun Englands Anstand? Es lügt, daß wir uns statt seiner schämen. Und Frankreich? Geht seine Generosität und Menschlichkeit nicht unter in einem Rausch von Tollwut und schimpflicher Hysterie? Wir lasen Äußerungen repräsentativer Geister Frankreichs, führender Politiker, berühmter Schriftsteller, Äußerungen über Deutschland, so irr, so galgenböse, daß man nicht ohne Erschütterung gewahr wurde: Das Hirn dieses Volkes erträgt den Krieg nicht mehr. Was ist aus Frankreich geworden in sechzig Kriegstagen! Ein Volk, dessen Antlitz der Krieg von heute auf morgen dermaßen ins Abstoßende verzerrt, — hat es noch ein Recht auf den Krieg? Diese Franzosen waren einst ein kriegerisches Volk, — in einem anderen Sinn als das deutsche, auf eine brillante, galante, gloriose, bravouröse und etwas spiegelfechterische Art, — getragen von jugendstarken Ideen, geführt vom persönlichen Dämon konnten sie vorübergehend die Welt unterwerfen. Von diesem Schwunge ist viel auf die Urenkel vererbt; doch da er heute des Auftrages entbehrt, — was ist er noch als eine tragische Velleität? Zuletzt — ist man bürgerlich-republikanisch, so ist es ein Widersinn, auf militärischem Prestige zu bestehen, wie unterm Empire. Das Volk der Logik, — die Logik eben hätte es bei seinem physischen und seelischen Zustande längst überreden müssen, militärisch abzudanken und ganz seinem zivilen Ideal zu leben. Wer hätte nicht dieses geachtet? Wer hätte es darin gestört? Nur Eitelkeit hinderte es an solchem Verzicht, nur die ihm unerträgliche, ihm unverschmerzbare Thatsache, daß es von Deutschland militärisch aus dem Felde geschlagen war, nur die idée fixe der Revanche. Um sie zu verwirklichen verbündet sich das Volk der Revolution mit dem verworfensten Polizeistaat, — und auf Rußland blickt es nun, da es den Krieg hat, auf die Kosaken hofft es wie auf Himmelshilfe, denn es weiß ja, weiß es längst und genau, daß es aus eigener Kraft Deutschland nicht schlagen kann. Aber was ist denn das für eine Revanche, die nicht aus eigener Kraft genommen wird? Kann eine solche Revanche der Eitelkeit Genüge tun? Als die fran- Kölnische Presse Tag für Tag von den fremden Hilfstruppen schwärmte, die man aus aller Welt erwarte, machte Georges Clémenceau darauf aufmerksam, daß, wenn es sich darum handle, Frankreich zu verteidigen, dies eine Ehre sei, die in erster Linie den Franzosen zukomme. Diese Auffassung schien wenig verbreitet. Frankreich wird stolz und befriedigt sein, wenn es, besiegt und okkupiert, nur eben aushält und den Frieden verweigert, bis, vielleicht, nicht sehr wahrscheinlich mehr heute, die Russen über Deutschland kommen. Ist das Revanche? Ist das soldatische Ehre? Nein, das ist nichts dergleichen. Es ist auch wenig soldatisch, es ist sogar wenig männlich, ein halbes Jahrhundert lang Revanche zu heischen, mit furchtsamer Sehnsucht endlich in den Krieg zu tappen und dann das Toben der Elemente beständig mit dem dünnen Schrei zu überschreien, der „Zivilisation“ lautet. Man macht Reims zur Festung, man stellt seine Kanonen in den Schatten des Doms, man postiert Späher auf die Türme, und wenn der Feind danach schießt, so kreischt man mit Fistelstimme: „Die Zivilisation!“ Aber erstens, Messieurs, hat die Kathedrale von Reims mit der Zivilisation durchaus gar nichts zu tun. Sie ist ja ein Denkmal christlicher Kultur, eine Blüte des Fanatismus und des Aberglaubens und müßte der Zivilisation des jakobinischen Frankreichs, wenn nicht ein Dorn im Auge, so doch mindestens höchst gleichgültig sein. Das ist sie ihr auch; und der tatsächliche Offizier, der die Beschießung befehlen mußte, hatte sicher in seinem Blute Art von Zwangszivilisierung Deutschlands gedacht. In der Tat: man will uns erziehen. Die Äußerung Bernard Shaws: Der Krieg werde dazu dienen, den Deutschen „Potsdam“ abzugewöhnen, wurde zeitig bekannt. Man hat auch die Betrachtungen des englischen, aber in französischer Atmosphäre lebenden Publizisten Robert Dell gelesen, der sich noch deutlicher ausdrückt. England und Frankreich, sagt er, kämpfen für die Sache der Demokratie gegen Gewaltherrschaft und Militarismus. Wörtlich: „Das Beste, was man jetzt für Deutschland erhoffen kann, ist eine Niederlage, die zu einer Revolution gegen die Hohenzollernsche Tyrannei führt.“ Ein demokratisiertes Deutschland sei sodann gegen Rußland bündnisfähig. „Es kommt vielleicht für uns der Augenblick, wo wir Deutschland gegen Rußland verteidigen müssen.“ Nach Tannenberg scheint es, als ob Deutschland sich eine Ehre daraus mache, Europa ohne den Beistand der Herren French und Dell gegen Rußland zu schützen. Aber so klärt sich denn alles, liebe Freunde, und jede Bitterkeit weicht! Es ist an dem: Man will uns glücklich machen. Man will uns den Segen der Entmilitarisierung und Demokratisierung bringen, man will uns, da wir widerstreben, gewaltsam zu Menschen machen. — Wieweit dies Heuchelei, wieweit freche Dummheit ist, wer will es sagen. Der englische Abgeordnete Ponsonby wendet nachdenklich ein, man unterstütze jedoch auf diese Weise die russische Autokratie, kräftige den russischen Militarismus und störe also die Entwicklung des russischen Volkes. Ja, das ist wahr. Und auf britischer Seite handelt es sich wohl vorwiegend um Heuchelei. Auf der französischen aber um einen Dünkel, unleidlicher selbst als Albions beschränktester und unbekümmertster Arbitrationswahn. Frankreich ist so eitel, so heillos vernarrt in sich selbst, daß es trotz Anarchie, Marasmus, Überholtheit noch heute glaubt, Vorkämpfer, Träger, Verbreiter menschheitsbeglückender Ideen zu sein. Seine Art von Vernunft zwingt es zu glauben, ein Volk stehe auf einer höheren, edleren, freieren Stufe, wenn es, statt durch einen Monarchen im Soldatenrock, durch einen ehrgeizigen Rechtsanwalt repräsentiert und parlamentarisch regiert wird. Ein spanisches Blatt, dem das Gerede von deutscher Barbarei zu dumm wurde, hat neulich die Zahl der deutschen Schulen, Hochschulen, Universitäten neben die vergleichenden Ziffern für Frankreich und England gestellt. Es fügte eine Aufstellung der für Kunst und Wissenschaft aufgewendeten Summen, dann das prozentuale Verhältnis der Analphabeten und Schwerverbrecher für die drei Staaten hinzu, und es fand, daß in jedem Fall die Waagschale sich zugunsten Deutschlands neige. Was folgt daraus? Daraus mag immerhin folgen, daß dieses unerträgliche Deutschland sich unter allen Ländern der modernsten und höflichsten Gesittung erfreut; aber der Geist, der Geistmangel, die Prinzipien, woraus diese Überlegenheit hervorgeht, sie bleiben barbarisch. Nach der ersten verlorenen Schlacht jedoch, so meint Robert Dell, in dessen Haupt englische Humanitätsgleißnerei und französische Damennaivität eine schwierige Mischung eingegangen sind, nach der zweiten spätestens wird Deutschland Revolution ansagen, „die Hohenzollern“ absetzen, den Nationalismus annehmen und ein verständig-verständliches Volk werden, ohne Rätsel und Unheimlichkeiten fortan für eine gesittete Mitwelt. Dies ist seine Meinung. Er glaubt allen Ernstes, daß Deutschland durch eine Niederlage zu revolutionieren, zu demokratisieren ist — er sieht nicht, daß die politische Ausprägung unserer bürgerlichen Freiheit, schon angebahnt, schon bestens unterwegs, nur im Frieden, jetzt nur nach dem Siege, dem gewissen, im Sinn und der Konsequenz der Geschichte liegenden Siege Deutschlands sich nach deutschen — nicht nach gallisch-radikalen — Geistesgesetzen vollenden kann; daß eine deutsche Niederlage das einzige Mittel wäre, uns und Europa in der Gesittung zurückzuwerfen; daß nach einer solchen Niederlage Europa vor dem deutschen „Militarismus“ nicht Ruhe noch Rast haben würde, bis Deutschland wieder da stände, wo es vor diesem Kriege stand; daß umgekehrt nur Deutschlands Sieg den Frieden Europas verbürgt. Man sieht das nicht. Man sieht in deutscher Art ein Barbarentum, dessen Kraft gewaltsam und ohne Ansehen der Mittel gebrochen werden muß. Man glaubt, ein Recht zu haben, auf Deutschland Kirgisen, Japaner, Gurkhas und Hottentotten loszulassen, — eine Beleidigung, beispiellos, ungeheuerlich, und einzig nur möglich geworden kraft jener im stärksten Sinne des Wortes un- erlaubten Unwissenheit über Deutschland, die aus jedem Worte der Bergson, Maeterlinck, Rolland und Richepin, der Deschanel, Pichon und Churchill, am wüstesten aber aus der Tatsache der ganzen vermessenen Zettelung selber spricht. Solche Unwissenheit über das heute wichtigste Volk Europas ist nicht statthaft, sie ist strafbar und muß sich rächen. Warum vor allem ist Deutschlands Sieg unbezweifelbar? Weil die Geschichte nicht dazu da ist, Unwissenheit und Irrtum mit dem Siege zu krönen. Daß deutsches Wesen quälend problematisch ist, wer wollte es leugnen! Es ist nicht einfach, ein Deutscher zu sein, — nicht so bequem, wie es ist, als Engländer, bei weitem eine so distinkte und heitere Sache nicht, wie es ist, auf französisch zu leben. Dies Volk hat es schwer mit sich selbst, es findet sich fragwürdig, es leidet zuweilen an sich bis zum Ekel; aber noch immer, unter Individuen wie Völkern, waren diejenigen die wertvollsten, die es am schwersten hatten, und wer da wünscht, daß deutsche Art zugunsten von humanité und raison oder gar von cant von der Erde verschwinde, der frevelt. Es ist wahr: der deutschen Seele eignet etwas Tiefstes und Irrationales, was sie dem Gefühl und Urteil anderer, flacherer Völker störend, beunruhigend, fremd, ja widerwärtig und wild erscheinen läßt. Es ist ihr „Militarismus“, ihr sittlicher Konservatismus, ihre soldatische Moralität, — ein Element des Dämonischen und Heroischen, das sich sträubt, den zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen. Dies Volk ist groß auch auf dem Feld der Gesittung — nur lächerliche Ignoranz leugnet es. Jedoch der Gesittung verfallen will es nicht, und es ist gegen seinen Geschmack, von der Zivilisation ein scheinheiliges oder eitles Aufhebens zu machen. Es ist wahrlich das unbekannteste Volk Europas, sei es nun, weil es so schwer zu kennen ist, oder weil Bequemlichkeit und Dünkel die bürgerlichen Nachbarn hinderten, sich um die Erkenntnis Deutschlands zu bemühen. Aber Erkenntnis muß sein, Leben und Geschichte bestehen darauf, sie werden es als untunlich erweisen, die sendungsvolle und unentbehrliche Eigenart dieses Volks aus wüster Unkunde gewaltsam zu verneinen. Ihr wolltet uns einzingeln, abschnüren, austilgen, aber Deutschland, ihr seht es schon, wird sein tiefes, verhaßtes Ich wie ein Löwe verteidigen, und das Ergebnis eures Anschlages wird sein, daß ihr euch staunend genötigt sehn werdet, uns zu studieren. Geschrieben September 1914 Friedrich und die große Koalition Ein Abriß für den Tag und die Stunde Ja, womit soll man anfangen! Der Geschichtschreiber — und nun gar der Gelegenheitsgeschichtler — ist immer jener Versuchung ausgesetzt, der Wagner auf das großartigste erlag, als er, eigentlich nur gesonnen, den Untergang seines Helden aufzuführen, von einer begeisterungsvollen Gedankenreihe sich immer weiter im Mythos rückwärts locken ließ, ein immer größeres Stück der „Vorgeschichte“ mit aufzunehmen sich genötigt fand, bis er endlich am Uranfange und Anbeginn aller Dinge notgedrungen haltmachte: beim tiefsten Es des Vorspieles vom Vorspiel, womit er denn feierlichst und fast unhörbar zu erzählen anhob. Da aber Raum und Zeit den lebhaftesten Protest dagegen erheben, daß wir bei dieser Skizze der Ursprünge eines Krieges, dessen Wiederholung oder Fortsetzung wir heute erleben, mit dem tiefen Es beginnen, so wollen wir uns einen Stoß geben und mit dem großen Mißtrauen den Anfang machen, dem tief wurzelnden und, wenn wir billig sein wollen, ziemlich begründeten Mißtrauen der Welt gegen König Friedrich II. von Preußen. Man erinnere sich nur: Der junge Mann, knabenhaft seinen Zügen nach, zierlich und etwas dicklich von Statur, „das niedlichste Menschenkind im „Königreich“, wie ein Fremder urteilte, von lebhafter Gesichtsfarbe und kindlichen Backen, mit großen, kurzsichtig glanzblauen Blicken, sowie einer Nase, die genau in der Linie der Stirn verläuft und vorn eine naive Rötung aufweist, nach damaligen Bildern zu urteilen, — dieser niedliche junge Mann, dessen teils liederliche, teils schreckhafte und momentweise fürchterliche Kronprinzenvergangenheit bekannt ist, libre-penseur dabei, keck philosophisch, Literat, Verfasser des überaus humanen „Antimacchiavell“, durchaus unmilitärisch, wie es bisher den Anschein hatte, zivil, lässig, selbst weibisch, ein Schuldenmacher, auf Kurzweil und Prunk von Herzen bedacht, — *wird König*, weil ehrloserweise keine Tracht Prügel und kein Am-Halse-Würgen von seiten seines beängstigenden Papas ihn seinerzeit hat bewegen können, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen oder wenigstens zugunsten seines Bruders zu resignieren, und benimmt sich als König in einer Weise, daß man nicht weiß, was man denken soll. Der Tag seiner Thronbesteigung hieß fortan: „La journée des dupes“ — fast alles kam anders, als man es sich gedacht hatte. Diejenigen, die vor der Rache des neuen Herrn gezittert hatten, wurden nicht gestraft, und die, welche ihre Stunde gekommen glaubten, sahen sich enttäuscht. Die Glücksritter und Poeten, die den Thron umschwärmten und sich mit hoffnungstrunkenen Vivats nicht genugtun konnten, wurden zusehends kleinlauter, und ein lustiger Bruder von Rheinsberg, der die Harmlosigkeit hatte, das Tönchen von damals zutraulich wieder anzuschlagen, bekam einen glanzblauen Blick und das schneidende Wort: „Monsieur, à présent je suis Roi!“ Auf deutsch: „Die Possen haben ein Ende!“ Das ist die Stelle bei Shakespeare, die schönste vielleicht in seinem ganzen Werk, wo jemand unter einem ebensolchen Blicke zu jemandem sagt: „Ich kenn dich, Alter, nicht.“ Einiges, was der junge Herr gleich in den ersten Tagen tut, hat ja literarischen Habitus, — ist also keck und etwas extravagant. Er schafft die Folter ab, — desto besser für die Diebe. Er erklärt, daß Gazetten, wenn sie ein bißchen amüsant sein sollen, nicht geniert werden dürfen, und hebt die Zensur auf (führt sie übrigens ein Jahr danach wieder ein). Er proklamiert religiöse Toleranz, — nun, das ist die berühmte Aufklärung. Aber was wird aus dem galanten, üppigen, sorglosen Musenhof, den man sich erträumt hatte und an dem die Mode und der schöne Geist herrschen sollten? Gar nichts wird daraus. Der Herr ist vor allen Dingen auf einmal eisern sparsam. Nichts von Gehaltserhöhung für die Beamten. Nichts von Aufhebung der hohen Zölle, — wie sehr auch gewisse Leute sich auf dergleichen gespitzt haben. Die Domänenkammern bekommen ausdrückliche Weisung, daß das genaue Finanzsystem des hochseligen Königs strikte zu respektieren ist. Finanzminister Boden, ein verhaßter Geizkragen, bleibt. Von Vertrauensseligkeit, Lässigkeit, Sorglosigkeit — auch nicht eine Spur. Jedem wird auf die Finger gesehen wie nie zuvor. Damals war es, daß Baron von Pöllnitz, Oberzeremonienmeister, wörtlich den Seufzer tat: „Ich wollte hundert Pistolen geben, wenn ich den alten Herrn wieder haben könnte!“ Kein irgendwie grundstürzender Systemwechsel also, keine Zügellockerung in der Verwaltung, keine neuen Gesichter im Ministerium. Aber eines bleibt doch wohl sicher: Die verkörperte Zivilität ist zur Herrschaft gelangt, die Literatur im seidenen Schlafrock, — der Korporalstock hat abgewirtschaftet; mit dem Potsdamer Militarismus wird es gründlich zu Ende sein. Ja, freilich! Gerade hier gibt es die vollkommenste Überraschung. Der schlappe und ziemlich wollüstige junge Philosoph entpuppt sich zur allgemeinen Verblüffung als passionierter Soldat, — welcher nicht daran denkt, das militärische Fundament des Staates zu schwächen. Zu schwächen? Er vermehrt die Armee um fünfzehn Bataillone, fünf Schwadronen Husaren (die er nach österreichischem Muster einführt) und eine Schwadron Gardedukorps, womit sie nun also rund neunzigtausend Mann stark ist. Die Uniform, früher ein vermaledeiter Sterbekittel, zieht er überhaupt nicht mehr aus. Sein Konservatismus geht so weit, daß er jede Veränderung in den Kommandostellen unterläßt. Die Heeresorganisation ist ein Denkstein der Regentenweisheit von Unsers höchstgeliebtesten Herrn Vaters Majestät, sie ist im wesentlichen nicht anzutasten. Ein paar Plumpheiten im Werbewesen werden allenfalls abgestellt, das Fuchteln der Kadetten, Mißhandlungen des gemeinen Mannes haben ehrenhalber zu unterbleiben, — das ist alles. Was sich aber ändern zu sollen scheint, das ist der *Sinn der Einrichtung, der Geist*, in dem man sich ihrer bedient, kurzum: ihre politische Bedeutung, — und dies eben ist das Bedenkliche. Das Militär war ja so etwas wie ein Puschel des höchstseligen Herrn gewesen, eine rauhe und ziemlich kostspielige Liebhaberei, über die man an allen Höfen gewitzelt hatte und die bei den europäischen Geschäften nie irgendwie ins Gewicht gefallen war. Auf einmal ist es „die Macht des Staates“ — dies ist der Ausdruck Friedrichs in einem der ersten Briefe, die er als König schreibt, — eine sonderbar sachliche Auffassung, die übrigens auch darin zum Ausdruck kommt, daß der Institution das Schrullenhafte und Kuriose, das ihr anhaftete, genommen wird. Das Riesenregiment, sehenswürdig aber etwas stupid, wird abgeschafft — es tut bei der Leichenparade für Friedrich Wilhelm zum letzten Male Dienst, und nur ein Bataillon „Grenadiergarde“ wird der Pietät halber beibehalten. „Die Macht des Staates“ ... Preußens Vertreter an fremden Höfen führen plötzlich eine Sprache, daß man seinen Ohren nicht traut. Preußen tritt auf, Preußen wünscht durchaus, sich als die beträchtliche Realität betrachtet zu wissen, die es ist, — sein überraschender junger König nimmt eine Miene an, als empfinde er seine Stellung nicht sowohl als die eines deutschen Reichsstandes, denn als eine europäische, er gibt zu verstehen, daß er nicht gemeint ist, „immer nur zu spannen und niemals abzudrücken“, wie das spöttische Europa es so lange von Preußen gewöhnt gewesen ist ... Aber was soll man aus alldem nun machen! Hat er denn bis dahin Komödie gespielt? „Der größte Fehler an ihm“, hat Graf Seckendorff einmal über den Kronprinzen nach Wien geschrieben, „ist seine Verstellung und Falschheit, daher mit großer Behutsamkeit sich ihm anzuvertrauen ist.“ Ja, das scheint so. Und wenn Seckendorff fortfährt: „... Er sagte mir, er wäre ein Poet, könne in zwei Stunden hundert Verse machen. Er wäre auch Musiker, Moralist, Physiker und Mechaniker. Ein Feldherr und Staatsmann wird er niemals werden,“ — so sieht es jetzt aus, als ob auch dies Verstellung und Falschheit von seiten des jungen Menschen gewesen sei. Denn was nun kommt, ist denn doch das Stärkste an Überraschung und zeigt überhaupt erst, wessen man sich von ihm zu versehen hat. Nicht ein halbes Jahr ist seit Friedrichs Thronbesteigung vergangen, als Karl VI. stirbt, und kaum ist der Kaiser unter der Erde, so erhebt Friedrich zur größten Bestürzung seiner eigenen Minister, Generale, Verwandten und der ganzen Welt irgendwelche Ansprüche auf Schlesien, — Ansprüche, vollständig unbegründet dem Buchstaben nach und feierlichen Verträgen zufolge, begründet, wenn man denn will, in mancherlei Untreue und Schnödigkeit, die Brandenburg von Habsburg je und je hat erdulden müssen, und Ansprüche jedenfalls, die Friedrich, wenn Maria Theresia sich nicht fügt, was sie unmöglich tun kann, mit dem Schwerte geltend zu machen sich anschickt. „*Alles ist vorbereitet*,“ schreibt er an Algarotti; „es handelt sich nur um die Ausführung der Entwürfe, die ich *seit langer Zeit in meinem Kopfe bewegt habe*.“ Seit langer Zeit? Und alles längst vorbereitet? Ohne daß irgend jemand eine Ahnung davon gehabt hat? Ohne daß er von solchen Ansprüchen und Absichten sich bisher das Geringste hat anmerken lassen? Aber dann ist er ja ein hinterhältiger, versteckter und in aller Rheinsberger Geselligkeit einsamer junger Mensch gewesen! — An Voltaire übrigens schreibt er: „*Der Tod des Kaisers zerstörte all meine friedlichen Ideen.*“ Damit nämlich Voltaire in Frankreich die Ansicht nicht aufkommen läßt, als sei der Angriff von langer Hand her vorbereitet gewesen. Ein sowohl einsamer als namentlich auch schlauer junger Mensch. * Es bleibt dabei: Friedrich überzieht das Kaiserhaus mit Krieg, — der Markgraf von Brandenburg, der als Erzkämmerer den Vorfahren Maria Theresias das Waschbecken zu reichen gehabt hat. „C’est un fou, cet homme là est fol,“ sagt Ludwig XV., der doch von großer Politik irgend etwas verstehen muß. „Eine Unbesonnenheit, ein überaus tollkühnes Beginnen,“ sagt ganz Europa. Und der englische Minister in Wien findet schon jetzt, daß Friedrich in den politischen Bann getan zu werden verdiene. Aber eine Unbesonnenheit oder nicht, — Österreich ist schlecht in Form, die Sache geht gut aus für Preußen. Es kommt Mollwitz, wo Friedrich geschlagen wird und zehn Meilen weit ausreißt, während Schwerin nachträglich für ihn siegt, — es ist gar kein sehr königlicher Ruhmestag, aber es ist ein Erfolg. Übrigens langt auch Bayern nach der Kaiserkrone, Frankreich steht ihm bei, Wien ist in Bedrängnis, es kommt obendrein Chotusitz, wo Buddenbrock die Österreicher in das brennende Dorf wirft, und Maria Theresia, die „lieber an Bayern eine ganze Provinz, als an Preußen ein einziges Dorf abtreten wollte“ (sie haßt diesen Friedrich mit ganzer Weibeskraft), muß, Kummer in ihrem weißen Busen, Tränen in ihren blauen Augen, einen Frieden unterfertigen, der dem König Ober- und Unterschlesien und die Grafschaft Glatz zusichert, — er hat sie, sie sind sein. Was weiter? Es sind rund zwei Jahre vergangen, als Friedrich von neuem Krieg macht, — angeblich, um als Kurfürst des Reiches dem bedrängten bayrischen Kaiser Sukkurs zu bringen, in Wirklichkeit wohl mehr darum, weil Maria Theresia unterdessen gegen Frankreich und Bayern etwas zu erfolgreich gewesen ist und weil Friedrich argwöhnt, daß sie sich, wenn die anderen am Boden liegen, gegen ihn wenden wird, um Schlesien wiederzunehmen, dieses schöne, unverschmerzbare Schlesien, über das sie in Schluchzen ausbricht, sobald sie nur davon hört. Auch ist sie nicht ohne mächtige Freunde, — wie denn König Georg II. von England, Besieger der Franzosen und Alliierter der Kaiserin-Königin seit Worms, 1734, ihr wörtlich geschrieben hat: „Madame, ce qui est bon à prendre est bon à rendre,“ der Brief ist in Friedrichs Händen. England und Österreich haben sich gegenseitig die Besitzungen gewährleistet, die sie bis 1739 innegehabt. Bis 39? Das war ja wohl, bevor Friedrich Schlesien nahm! Und zwischen Österreich und Sachsen kommt es zu ähnlichen Verträgen ... Genug! Die österreichischen Historiker schwören zwar himmelhoch, daß die Kaiserin damals keinen Angriff geplant habe, aber es war genug für Friedrich. Er steht sehr gut mit Frankreich, hat seit dem Juni einen Offensivvertrag auf zwölf Jahre mit Richelieu in der Tasche, ist also nicht ohne diplomatische Rückendeckung. Er hat „die Macht des Staates“ in diesen zwei Jahren um achtzehntausend „Schnurrbärte“ (wie Voltaire zu sagen pflegte) vermehrt, hat die schlesischen Festungen vortrefflich ausgebaut, und im Hochsommer 44 schlägt er abermals los, fällt, ohne auch nur den Krieg zu erklären, achtzigtausend Mann hoch in Böhmen ein, zieht auch durch Sachsen, ohne den dortigen Kurfürsten im geringsten um Erlaubnis zu bitten, rückt gegen Prag, rückt geradezu gegen Wien. Die Sache geht sehr schwer, sie steht dann und wann direkt verzweifelt. Karl von Lothringen wirft sich vom Elsaß nach Böhmen und bedroht Friedrichs Verbindungen mit Schlesien, die sächsische Armee hat der König im Rücken. — es gibt eine schlimme Retirade, verschuldet durch eine Menge Dummheiten, die Friedrich nach eigenem späterem Eingeständnis begeht und bei denen er manches lernt. Im folgenden Jahre stellt sich heraus, daß er als General in letzter Zeit arge Fortschritte gemacht hat. Auf Hohenfriedberg folgt Soor, und als er dann noch bei Kesselsdorf die Sachsen zugrunde richtet, kommt Graf Harrach als Unterhändler nach Dresden, und Maria Theresia bestätigt die Abtretung Schlesiens, während Friedrich ihren Ehegatten, den galanten Franz von Lothringen, als deutschen Kaiser anerkennt — in Gottes Namen, da Karl VII. ohnehin tot ist und Friedrich sich offen gestanden auch niemals so sehr für ihn interessiert hat. Warum aber macht er Frieden mit Habsburg? Weil er sieht, daß Frankreich in den Niederlanden glücklich gewesen ist und es also mit dem Übergewicht der Kaiserin-Königin vorderhand nichts mehr auf sich hat. Zum größten Mißvergnügen Frankreichs schließt er auch Frieden mit England, zieht sich mit seiner Beute — Schlesien — zurück, widersteht in den nächsten drei Jahren — denn so lange dauert der Streit um die Pragmatische Sanktion zwischen Österreich und den Seemächten gegen Frankreich noch fort — weislich allen Versuchen, ihn aus der Neutralität herauszulocken und erhält im Aachener Frieden, welcher den Erbfolgestreit endgültig zugunsten Maria Theresias beilegt, auch noch die ausdrückliche Garantie seiner schlesischen „Erwerbung“. Nun müssen wir aber eines sagen. Wenn man die [?] schlesische „Erwerbung“ für einen Raub hielt, für ein rechtswidrig errafftes Gut — und das tat man, und das war sie ja wohl auch —, so durfte man sie dem Räuber nicht feierlich garantieren. Wenn man sie ihm aber garantierte, so mußte man es der Zeit anheimstellen, aus Unrecht Recht zu machen — denn dazu ist die Zeit ja imstande —, so mußten Europa und Maria Theresia fortan allen Machinationen und Konspirationen gegen den Räuber entsagen und sich mit der vollendeten Tatsache zufrieden geben. Das taten sie aber nicht, das tat insbesondere Maria Theresia nicht, sondern sie ließ die Hoffnung, Schlesien trotz dem Aachener Frieden zurückzugewinnen, beileibe nicht fahren, und das ist ein Einwand gegen die prächtige, naive, hochherzige Frau, die im übrigen die Sympathie und das Mitleid Europas so sehr verdiente. Woran lag es denn aber, daß Europa — oder doch seine Höfe und Regierungen — diesem König gegenüber innerlich nicht zur Ruhe kam? Es lag an dem *großen Mißtrauen*, mit dem wir anfingen, einem Mißtrauen, das der König ausgiebig erwiderte und das in seinem grundfremdartigen, rätselhaften Charakter begründet war, einem Charakter, von dessen Gefährlichkeit man Proben hatte, und dessen Äußerungen und Manifestationen Europa auch in der Folgezeit beständig in Atem hielten. Tatsache war vor allem einmal, daß unter allen Mächten, die sich um die pragmatische Sanktion geschlagen hatten, Friedrich allein etwas gewonnen, sehr viel sogar gewonnen hatte. Daß er die schöne Provinz behielt, war das wenigste. Aber dies armselige junge Preußen mit seinen zwei Millionen Seelen hatte sich als ebenbürtiger Staat neben Österreich, oder ihm gegenüber, gestellt, es hatte sich unter die Mächte Europas gedrängt mit dem Anspruch, fortan in allen europäischen Angelegenheiten als Großmacht mitzureden, und die anderen gezwungen, fortan mit Preußen als mit einem erheblichen politischen Faktor zu rechnen, — einem ausschlaggebenden sogar; denn Friedrich hatte es fertiggebracht, zum mindesten den Anschein, die populäre Vorstellung zu erwecken, als sei er für das europäische Gleichgewicht, soweit nämlich das Balanceproblem Frankreich-Österreich in Frage kam, das „Zünglein an der Wage“. Eine solche Nötigung aber, umzudenken, sich neu zu orientieren, fällt Europa entsetzlich schwer, es wird in Jahrhunderten nicht damit fertig. Es sperrt sich, es höhnt, es keift; es spricht der Neubildung jede politische, kulturelle, vor allem moralische Berechtigung ab, es kann sich nicht genugtun in Hohn und Erbitterung gegen den Eindringling, es prophezeit ihm den baldigen, notwendigen Wiederuntergang, und wenn solche Prophezeiung sich nicht prompt genug erfüllen will, so ist die alte, erbeingesessene Staatengesellschaft imstande, alle sonstigen Prestigestreitigkeiten und Interessengegensätze, auch die vitalsten und grimmigsten, zu begraben und zu vergessen, nur um sich zu dem hoffnungsinnigen Versuche zusammenzutun, den Störenfried einzuzingeln und abzuwürgen, — zweimal versucht sie das, wenn es sein muß, in nur einhundertfünfzig Jahren. Treuherzige Leute, wie Friedrichs philosophischer Freund Jordan, konnten es sich schon im zweiten schlesischen Kriege gar nicht erklären, „wie es doch komme, daß die Berichte der Zeitungen niemals günstig für uns seien“. Ja, das war sonderbar. Aber die Berichte der Zeitungen hatten es ja nicht hindern können, daß Friedrich Schlesien behielt. War er denn nun wenigstens, die Garantie in der Tasche, gesättigt und zufrieden? Maßnahmen gegen ihn vorbehalten, — aber schien er seinerseits nun wohl und friedlich gesinnt? Auf Abrüstung war er nicht unmittelbar bedacht, den Eindruck hatte man nicht. Seit dem Frieden zu Dresden hielt er sein Heer auf dem Fuße von einhundertvierzigtausend Mann, doch waren da außerdem noch „überkomplette Mannschaften“, deren Zahl er verdoppelte, so daß er über einen ausgebildeten Heeresersatz von sechzehntausend Mann gebot. Das waren also einhundertsechsundfünfzigtausend Schnurrbärte, — für ein Land von Preußens Größenordnung und ökonomischen Verhältnissen eine absurde Masse. Ludwig XV. hatte nicht so viele Soldaten und namentlich nicht so widerwärtig gute; denn dieses Heer, über Gebühr stattlich seiner Ziffer nach, exerzierte Friedrich in einer Weise, daß man in ganz Europa davon sprach. Anforderungen wurden da gestellt, und Leistungen entsprachen ihnen, in Hinsicht auf Beweglichkeit und taktische Präzision, unerhört bis dahin, das Staunen der fremden Militärs, die ausnahmsweise zusehen durften und dann das Eigentliche nicht zu sehen bekamen. Diese Massen deployierten und schwenkten, sie entwickelten die berühmte schräge Schlachtordnung, die des Königs Erfindung war, in acht verschiedenen Formen mit einer Exaktheit, daß der alte Prinz Eugen, der den Kronprinzen einst zu Philippsburg bewundert hatte, seinen Augen nicht getraut hätte. Bei alledem herrschte eine Sachlichkeit, — so ziemlich das Gegenteil von Liebhaberwesen und nobler Passion. Nichts von Prunklager und Lustmanöver, — worauf anderwärts größere Truppenzusammenziehungen im Frieden harmlos hinausliefen. Friedrichs Übungen in großen Verbänden, bei Spandau oder Potsdam alljährlich vorgenommen, — diese forcierten Avancements in schwierigem Gelände, Schlachten in der Ebene, Flußübergänge und Stürme, diese zähen und vielfältigen Studien, wie ein überlegener Feind — es scheint, man rechnet mit einem überlegenen Feind, mit einer Kombination von Feinden also? — von der Flanke her aufzurollen und zu vernichten sei, waren unverhüllte und bitterernste Kriegsproben, veranstaltet zu dem einzigen Ziel und Zweck, den wirklichen Krieg zur Anschauung zu bringen, Führer und Mannschaften für das blutige Geschäft zu schulen. Und ein Angriffsgeist, ein Wille zum raschen und vollen Austrag ward diesen Truppen mit allen Mitteln ins Blut geimpft, — der gegen allen Geschmack der Zeit war und ans Barbarische grenzte. Friedrich verachtete die „verfeinerte“ Krieg- führung des Jahrhunderts, — jene „vortrefflichen Generale, die ganze Campagnen in unterschiedlichen Mandres passieret haben, und keiner den andern übervortheilen konnte, welches ihnen großes Lob von den Kriegsverständigen verdient haben“. Er verachtet auch die verschanzte Stellung, die sonst in so hohen Ehren stand. Die Schlacht um jeden Preis! Den Feind zur Bataille zwingen! „Bataillen gehören dazu, um zu dezidieren.“ Angriff, Angriff! Attaquez donc toujours! Der Bajonettangriff ist seine Passion, er hat seine Ausführung zuerst geregelt. Nicht überflüssig schießen, vor allem nicht zu früh! Auf zwanzig, auf zehn Schritt vom Feinde ihm „eine starke Salve in die Nase geben und darauf sofort demselben mit den Bajonetten in die Rippen sitzen“. Die Kavallerie: „Es verbietet der König hierdurch allen Offizieren von der Kavallerie bei infamer Kassation, sich ihrer Tage in keiner Aktion vom Feinde attackieren zu lassen, sondern die Preußen sollen allemal den Feind attackieren.“ Im Galopp? Nein, in Karriere. „Alsdann sollen sie, gut geschlossen, die Pferde aus vollem Halse hereinjagen und so einhauen.“ — „Aus vollem Halse.“ „In die Nase.“ „Mit den Bajonetts in die Rippen.“ Das alles hat etwas Wildes, Brutales, Bösartiges, Unbedingtes, Gefährliches. Ist dieser Mensch nicht ganz und gar auf rücksichtsloseste Offensive gestellt? Ist es möglich, ihm zu trauen? Nein, das war wohl leider nicht möglich, wenn man ihm auch gern getraut hätte, — Maßregeln gegen ihn natürlich unter allen Umständen vorbehalten. Dieser König war allzu geheimnisvoll und hinterhältig, — verschlossen auch gegen Vertraute, oder richtiger gesagt: er hatte keine Vertrauten. Nie sich mitteilen, nie sich erraten lassen — war sein erster königlicher Grundsatz. Eines Tages hatte er es selbst geradezu ausgesprochen: „Wenn ich glauben könnte, daß mein Hemd, meine Haut etwas von dem wisse, was ich thun will, so würde ich sie zerreißen.“ Eine milde Redewendung — und kennzeichnend für seinen verstockten und radikalen Willen zur Einsamkeit. Was war mit einem solchen König diplomatisch anzufangen? Die Herren von auswärts erklärten ihn für unerforschlich. An seine Neutralität, seine Enthaltsamkeit, seine guten Absichten glaubte niemand, und er wußte das. Er sagte: „Man hält mich in Wien für einen unversöhnlichen Feind des Hauses Österreich, in London für unruhiger, ehrgeiziger und reicher, als ich bin. Bestuschew (der russische Staatskanzler) glaubt, daß ich auf Unheil sinne, in Versailles glaubt man, daß ich über meinen Interessen einschlafe. Sie täuschen sich alle. Aber was dabei Sorge macht, ist, daß diese Irrtümer üble Folgen veranlassen können. Diesen Folgen gilt es zuvorzukommen“ (zuvorzukommen?) „und Europa von seiner Voreingenommenheit zu heilen.“ Voreingenommenheit? Nein, das war eine Nacheingenommenheit! Eine Eingenommenheit nach den beiden schlesischen Kriegen! Übrigens meinte er es vielleicht redlich — und täuschte sich nur über seine eigene Gefährlichkeit? Der allen ein Geheimnis war, vielleicht war er sich selber eins? Seine Lebenshaltung war sonderbar, sie stach ab gegen jedwede Gepflogenheit zeitgenössischen Monarchentums. Im Sommer stand er um drei Uhr auf ... Aber um drei Uhr geht man zu Bett, wenn man von Gottes Gnaden und folglich geboren ist, sein Leben ein wenig zu genießen! Kaum war ihm das Haar gemacht, so begann er zu regieren. Regierte er denn gut? Jedenfalls mit einem Eigensinn, einem Mißtrauen, einem Despotismus, der unerhört und grenzenlos zu nennen war, der sich auf alle Gebiete, auf das Kleinste wie auf das Wichtigste erstreckte und der Arbeit aller anderen die Würde entzog. Er liebte die Arbeit in dem Maße, daß er sie ganz allein an sich riß und seinen Dienern nichts davon gönnte, denn was für sie übrigblieb, war Schreiberfron, ganz ohne Ehre und Selbständigkeit, und er beargwöhnte und kontrollierte sie auch hierin noch auf das beschämendste. „Cette race maudite“ (so nannte er mit Recht oder Unrecht die ganze Menschheit) würde nach seiner Überzeugung ihn und den Staat sofort zu betrügen suchen, wenn er sie im geringsten gewähren ließ, und ein Gutes hatte ja seine vollkommene Vertrauenslosigkeit: Die Beamten mußten damit rechnen, daß jede Sache vom König selbst untersucht werde, und die Untertanen waren sicher, daß ihre Eingaben und Beschwerden nicht unter den Tisch fielen, sondern daß alles wirklich vor den König komme, welcher nicht duldete, daß irgend etwas verschleppt werde, und sich um den Einzelfall genauestens kümmerte. Ja, eigensinnig und despotisch war er, bis zum Mesquinen und bis zum Grandiosen. Niemand durfte ohne seine Erlaubniß reisen; erhielt man sie aber, so bestimmte der König auf Heller und Pfennig das Reisegeld, das man mitnehmen durfte: für den Bürger so viel, für den Junker ein wenig mehr. Und dann setzte er alle Welt in ein ehrfürchtiges Staunen durch Unternehmungen, die etwas Übermenschliches und Phantastisches hatten, wie dies, daß er das Meer mit gewaltigen Dämmen bekämpfte und ihm Landstriche wieder abgewann, die schon seit Jahrhunderten der Flut verfallen gewesen waren; oder daß er die Sümpfe pflügte, Moräste in Saatfelder verwandelte, indem er mit zehntausend Spaten Kanäle durch das Bruchland der Oder zog, — unempfindlich gegen die Leiden der Arbeiter, welche am Sumpffieber hinsiechen mochten, da sie der Zukunft zum Opfer fielen und seinem ungeduldigen Willen. Wünschte ein Fremder einen guten Platz bei der Parade, so mußte er an den König schreiben, und Friedrich antwortete ihm eigenhändig. Aber eben dieser König erklärte eines Tages, daß er zu der Verrottung und dem Formel-Hokuspokus der öffentlichen Rechtsprechung nicht stilleschweigen, sondern sich selbst darein melieren werde und schuf das allgemeine Landrecht, — eine kühne, große Reform, ein Werk der Vernunft und der Billigkeit, das zu bewundern, das zu studieren man allerwärts sich genötigt fand. Heerwesen, Justiz, innerer und äußerer Dienst, damit war es nicht getan. Er „melierte“ sich in das übrige auch, und er „melierte“ sich nicht nur darein. Er war sein eigner Finanzminister (zähe sparsam hier, verschwenderisch dort, wenn es nämlich große und manchmal unmögliche Pläne galt); sein eigner Minister für Landwirtschaft (welcher einfach nicht glaubte, daß die Kartoffel eine Giftpflanze sei, was Linné und die anderen glaubten, sondern mit Gewalt den Kartoffelbau durchsetzte); sein eigner Handelsminister (konservativ als solcher, ganz in den Spuren seines Vaters wandelnd, mit Schutzzöllen, Einfuhrverboten und Monopolen arbeitend und hauptsächlich darauf bedacht, daß das Geld im Lande bleibe); sein eigner Oberbaurat, Oberbergrat, Oberhofmarschall und was noch alles — wenn man um drei Uhr aufsteht und von seiner Frau getrennt lebt, so kann man tagsüber ja mehreres vor sich bringen. Was Despotismus sei, zeigte er eigentlich erst, man hatte es vorher nicht so gewußt, und um das Wort zu erfüllen, mußte ein König kommen, der arbeiten konnte, wie er. Aber er schuf auch eine neue Spielart des Despotismus: er war der *aufgeklärte Despot*, — insofern nämlich seine Untertanen denken und sagen konnten, was ihnen beliebte, vorausgesetzt, daß er seinerseits tun konnte, was ihm beliebte — das war ein Vergleich, der beiden Teilen zustatten kam, wie man einräumen mußte. Die Religionen galten ihm gleich viel oder gleich wenig, denn er verachtete sie. Die verfolgte Gottlosigkeit fand ein Asyl und sogar Offizierstellen in seinen Staaten. Schmähschriften, Libelle, Satiren, die gegen ihn gerichtet wurden, waren ihm ganz einerlei; er fürchtete den Geist nicht, denn seine Liebe zu ihm ward aufgewogen durch seine Verachtung für ihn — sofern er machtlos war. Als er von einem kritisch gestimmten Untertan hörte, fragte er: „Hat er hunderttausend Mann? Wenn nicht, was wollen Sie, daß ich mit ihm mache!“ Das war zynisch. Und überhaupt hatte er ja einen zynischen Zug, — sogar in seiner Kleidung, die immer malproprer und schäbiger wurde, aber auch in der Art seiner Erholung und Zerstreuung, — diesen ewigen Gottes- und Glaubenslästerungen beim Souper, diesem dürren und boshaften Vergnügen daran, die Literaten und Philosophen, die er beköstigte, bis aufs Blut zu necken und sie untereinander zu „brouillieren“. Und hatte nicht selbst seine unerhörte Arbeitswut etwas Zynisches, Dürres, Unmenschliches und Lebensfeindliches — für den gesunden und richtigen Menschensinn? Der gesunde und richtige Menschensinn findet und fand auch damals, daß das Leben in Beruf und Leistung nicht aufgeht, daß es seine rein menschlichen Anforderungen und Glückspflichten hat, welche zu verabsäumen eine schwerere Sünde bedeutet, als etwa in Gottes Namen eine gewisse Jovialität gegen sich und andere auf dem Gebiete der Arbeit, und eine harmonische Persönlichkeit, findet der gesunde und richtige Menschensinn, darf jedenfalls nur genannt werden, wer jedem Teile, dem Beruf und der Menschlichkeit, dem Leben und der Leistung das Seine zu geben versteht. Das tat dieser König nicht, — obgleich nach dem Urteil eines gesunden und richtigen Menschensinnes auch Könige es tun sollten. Sein Arbeitsfanatismus, sein Bestehen auf die Leistung, auf die Meriten war eines asketischen und irgendwie abscheulichen Wesens. Natürlich haßte er die Mönche, wie alle Geistlichkeit, aber er selber war etwas wie ein Mönch, ein Mönch im blauen Soldatenrock, die gelbe Weste immer mit Schnupftabak besudelt, — ein zynischer Junggeselle war er, und ein beträchtlicher Teil seiner Bösartigkeit und Unheimlichkeit hat sicher mit seinem Verhältnis zu den Frauen zu tun, welches eigentlich ein Unverhältnis und selbst dem Sinne einer in diesen Dingen höchst kapriziösen Zeit nicht recht verständlich war. Er war, wie gesagt, ein ziemlich ausschweifender Jüngling gewesen. Als er mit sechzehn Jahren den voluptuösen Dresdener Hof besuchte, wo es ihm nicht wenig gefiel, verliebte er sich über beide Ohren in die Gräfin Orselska, Tochter und Favoritin Augusts II.; aber der König, der etwas eifersüchtig war, bot ihm statt ihrer die wohlgeformte Gräfin Formera an, nachdem er sie ihm zuvor als lebendes Bild gezeigt hatte, und so ward sie Friedrichs erste Maitresse. Aber später bekam er die Orselska dennoch. Man kennt noch eine ganze Reihe von Geschichten, zum Beispiel über jene Freifrau von Wreech, die er von Küstrin aus zu besuchen pflegte, und die ihn mit Kerzen, Büchern und sogar mit Geld ausstattete, welches er nie zurückgezahlt haben soll, obgleich Frau von Wreech ein Kind bekam, das Herr von Wreech nicht als das seine anerkennen wollte. Ferner über eine Potsdamer Kantorstochter, die seinetwegen öffentlich ausgepeitscht wurde und „auf ewig“ ins Spinnhaus kam. Auch in Ruppin und Rheinsberg debauchierte er ausgiebig, „man hält aber dafür,“ schrieb Seckendorff an den Prinzen Eugen, „daß die Kräfte des Körpers die Neigung des bösen Willens nicht genug sekundieren, folglich der Kronprinz in seinen Galanterien mehr einen eitlen Ruhm sucht als eine sündliche Neigung.“ Dem mochte nun so sein oder anders, — gewiß ist, daß alle diese Affären mit Leidenschaft in irgendeinem höheren, tieferen Sinne, mit dem Gefühl, mit dem Herzen nicht das geringste zu tun hatten. Als ganz junger Mensch schon erklärte Friedrich, daß er nur Genuß von den Frauen wolle, sie hernach aber verachte. Er hat niemals geliebt. Dann kam ein Malheur auf diesem Gebiet, man spricht von einer Operation, die sich anschloß, — und von diesem Zeitpunkt an war irgend etwas kupiert in seiner Natur; er wandte der Üppigkeit kurz den Rücken; das Weib hatte seine wenig ehrenvolle Rolle in seinem Leben ausgespielt. Eine tiefe Misogynie ist fortan von seinem Wesen untrennbar; es wird unmöglich, sich ihn in einer zärtlichen Situation vorzustellen, es wird lächerlich. Daß seine Ehe eine Scheinehe war, will nicht viel besagen, denn sie war erzwungen. Aber das andere Geschlecht ließ ihn nicht nur kalt, er haßte es, er verhöhnte es, er duldete es nicht in seiner Nähe. Die Damen seiner Frau beklagten sich gegen Fremde: „Die Liebe des Königs könnten wir entbehren, aber es ist hart, daß er uns nicht leiden kann.“ Die Gattin seines hypochondrischen Freundes d’Argens durfte aus besonderer Gnade in Sanssouci wohnen; im übrigen galt das Schloß als eine Art Kloster. Aber ein Kloster ist ja kein sehr natürlicher Ort. Was die italienische Tänzerin Barberini betrifft, die eine Zeitlang für des Königs Geliebte galt, so äußerte Voltaire über dieses Verhältnis: „Il en était un peu amoureux parce qu’elle avait les jambes d’un homme.“ Und so war wohl auch dies nicht so ganz das Richtige. Offenbar wurde Friedrichs Männlichkeit von dem weibischen Gegenpol nicht in der üblichen Weise angezogen. Es ist denkbar, daß sein langes Kriegertum dazu beitrug, seine Instinkte dem anderen Geschlecht zu entfremden. Es hat mehr Kriegsleute gegeben, die Weiberfeinde waren oder wurden. Vielleicht gewöhnte die Lageratmosphäre vieler Jahre den Sinn dieses Zöglings französischer Frauen dermaßen ans Männliche, daß er das Weib am Ende „nicht mehr riechen“ konnte, — und dies in dem französischen Jahrhundert, einem rechten Weibsjahrhundert, welches von dem „Parfüm des Ewig-Weiblichen“ ganz erfüllt und durchtränkt war. Sein Begriff von Soldatentum, ästhetisch überhaupt (die höchsten und vornehmsten Truppenführer durften im Felde von keinem anderen als zinnernem Geschirr essen), war antifeminin in dem Grade, daß es die Weichheit von Liebe und Ehe aus- schloß. Er wollte nicht, daß seine Offiziere heirateten; sie sollten Kriegsmönche sein wie ihr König. Die Motivierung gab er als Witz: Die Herren, sagte er, sollten ihr Glück durch den Säbel machen und nicht durch die —. Durch den Säbel also. Im Jahre 1778 war unter den vierundfünfzig Offizieren eines Dragonerregiments nicht einer verheiratet. Wozu das alles? Weil es mit dem Politischen vielleicht nicht wenig zu tun hat. Man darf nicht vergessen, daß die mächtigsten Länder Europas damals von Frauen regiert wurden: von der Zarin Elisabeth, der Kaiserin-Königin und der Pompadour. Friedrich verachtete und brüskierte sie alle drei bis zur vollkommenen politischen Unklugheit. Laut, bei Tische, in Gegenwart der Lakaien, nannte er sie „die drei ersten H.... Europas“, obgleich oder vielmehr weil er wußte, daß den Spionen der fremden Höfe keine seiner Bemerkungen entging, und obgleich das häßliche Wort, das er gebrauchte, allenfalls auf zwei von ihnen paßte, aber gewiß nicht auf Maria Theresia, die eine keusche und kindlich-hochsinnige Frau war und in der er offenbar nur das Geschlecht beschimpfte. Was Mütterchen Elisabeth betraf, so bot sie ihm einige Blöße durch ihre Neigung zum Branntwein und zu muskulösen Soldaten, aber deswegen blieb sie doch eine gewaltige Potentatin, und es war ausgemacht unvernünftig von Friedrich, diese kleinen Schwächen zum Gegenstand schlechter Reimereien zu machen, die ihr natürlich hinterbracht wurden und ihm die Herrscherin Ruß- lands auf immer giftig verfeindeten. Und warum gewann er es nicht über sich, der Pompadour gelegentlich ein paar freundliche Worte zu geben — da sie sich doch in der zierlichsten Weise um sein Entgegenkommen bemüht hatte — und da sie nun einmal Frankreich regierte? Sie war nur eines Fleischers Tochter, Poisson mit Namen, Frau eines Zöllners und Kupplers und selber Kupplerin obendrein — eingeräumt und zugegeben, das war sie. Aber erstens: wozu ist man ein aufgeklärter Despot, wenn man sich über solche Quisquilien nicht hinwegsetzen kann? Und zweitens: sie war mehr als allerliebst mit ihrem kleinen, talentvollen Dirnenkopf und ihrem bauschigen, gestickten Kleide, in dessen gemessener Dekolletage Reize, die ein allerchristlichster König zu würdigen verstanden hatte, in gepuderter Klugheit sich andeuteten, — man merkte ihr von dem Schmutz, aus dem sie kam und der ihr Element blieb, beinahe nichts an, sie wußte einem ganz richtigen Staatsrat mit Umsicht vorzusitzen, und man hat den Eindruck, daß Friedrich, wenn er sie höhnisch zurückwies, mehr das Frauenzimmer als die Königsfehde in ihr treffen wollte. „Ich kenne sie nicht,“ sagte er. „Je ne la connais pas“. Und jeder andere, an seiner Stelle, hätte das später bereut. Maria Theresia von ihrer Seite bezwang sich besser, — die Schöpferin der Keuschheitskommission, die fromme und treuherzige Ehefrau. „Princesse et Cousine,“ schrieb sie. „Madame ma très chère Soeur,“ — so skandalös es klingt, aber es war um Schlesiens willen nun einmal geboten. Und um bei Maria Theresia zu bleiben, so wurde in Friedrichs Verhalten gegen sie seine Gefühllosigkeit für das Weibliche besonders deutlich, — ja, Chronisten und Kritiker, welche vor allem ritterlich empfanden, haben dieses Verhalten immer abscheulich genannt. Kennt man die schöne Porträtzeichnung der Kaiserin-Königin von Meytens, im Kupferstichkabinett zu Berlin? Man sieht darauf ihren prächtigen Rokokokopf, der majestätisch und derb zugleich ist, stolz und naiv, mit seiner reinen Stirn, über welcher ein kleines Diadem das gepuderte, in Locken auf die königlichen Schultern niederfallende Haar krönt, seinem kindlich-würdigen Doppelkinn, den hellen Augen, der kräftig gebogenen Nase, dem gesunden und vornehm üppigen Munde. Ihre Stimme soll bezwingend reizvoll gewesen sein. Hof und Volk vergötterten sie. Sie regierte fromm, klug, patriarchalisch und gemütlich. Ihrem Gatten, Franz von Lothringen, einem großen Schürzenjäger, war sie in unwandelbarer ehelicher Treue zugetan und sah ihm liebevoll alles nach, was er an ihr fehlte. Als er starb, trat sie auf seine schluchzende Geliebte, die Fürstin Auersperg, zu und sagte: „Meine liebe Fürstin, wir haben viel verloren.“ So gutmütig war sie. Als sie, durch ihren Sohn, den Großherzog Leopold von Toskana, zum erstenmal Großmutter geworden war, lief sie vor Freude im Nachtgewand durch die Korridore des Schlosses ins Burgtheater, wo eben Vorstellung war, beugte sich weit über die Brüstung ihrer Loge und rief in den Saal hinab: „Der Polyp hat an Buaba, und grad zum Bindband auf mein Hochzeitstag — der is galant —!“ Man hört sie, und man teilt das Entzücken des Publikums. Sie war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, als ihr Vater starb und die Last der Krone ihr zufiel. Ihre Gesundheit schwankte unter dem Schlage von Mollwitz und der allgemeinen Krise, die damit hereinbrach; denn obendrein befand sie sich in gesegneten Umständen. „Da alle meine Länder angefochten waren und gar nit mehr wußte, wo ruhig niederkommen sollte —,“ schrieb sie später. Und doch, wie hochherzig und rührend tapfer betrug sie sich in der allgemeinen Verwirrung! Noch schwach von den Wochen, auf dem Arme das Kind, das sie in Not und Tränen zur Welt gebracht, und die Krone des heiligen Stephan auf dem Haupt, stand sie in Preßburg vor der Reichsversammlung, um den Rittersinn ihrer Ungarn zum Schutze ihrer beleidigten Hoheit aufzurufen, und man versteht die wilde Begeisterung, mit der die Magnaten, ihre krummen Säbel schwingend, zum Thron drängten und ihren Herzensschrei: „Wir wollen sterben für unseren König Maria Theresia!“ Aber Friedrich war ohne Gefühl für die Majestät der Schwäche, ja, die bleiche Mutterschaft der Frau, gegen die er focht, mochte seiner Art von Männlichkeit eher Ekel als Ehrfurcht erwecken. In dem langen, übermenschlichen Kampf, zu dem die beiden schlesischen Kriege das Vorspiel waren, verließ der Gedanke, es mit Weibern zu tun zu haben, ihn keinen Augenblick, er kehrt wieder in zahllosen seiner Äußerungen aus jener Zeit, und wer weiß, ob nicht vornehmlich das Gefühl, es sei eine widerliche Ungehörigkeit, wenn ein Mann drei Weibern erliege, ihm immer wieder den Rücken steifte. Als Text zur Dankpredigt nach der Mollwitzer Schlacht wählte er den zwölften Vers von I. Timotheus 2: „Zu lehren aber verstatte ich dem Weibe nicht, noch sich zu erheben über den Mann, sondern sich ruhig zu verhalten.“ — worüber Maria Theresia sich nicht wenig erzürnte. Sie hatte ein zugleich kindliches und geheimnisvolles Wort für ihn, welches anzudeuten scheint, daß ein hellsichtig-weiblicher Instinkt ihr sein Wesen verriet: Sie nannte ihn nie anders als „Der *böse* Mann“. Ja, das war er. Und zwar eben so sehr „*Mann*“ als „*böse*“. Die Geheimnisse des Geschlechtes sind tief und werden nie völlig erhellt werden. Konnte nun dieser König die Frauen nicht leiden, weil er ein so böser Mann war, oder war er ein so böser Mann, weil er die Frauen nicht leiden konnte? Das ist nicht zu entwickeln. Aber daß seine Bösartigkeit mit seiner Weibfeindlichkeit irgendwie zusammenhing, das scheint uns sicher. Der böse Mann, — das war er allen, wenn auch vorzugsweise und mit dem tiefsten Gefühl Maria Theresia ihn so nannte. Es war ein Getuschel, Gezettel und Sichverbündeln rings um ihn her, — eventualiter natürlich, verteidigungsweise und für alle Fälle, aber alles gegen ihn, und er konnte es sich nur denken, ohne vorläufig Genaues zu wissen, und parierte, so gut es gehen wollte, zehn Jahre lang. Ja, man mußte zugeben, daß er während dieser ganzen Zeitspanne sich seiner bösen Natur entgegen diplomatisch defensiv verhielt, — wenn man auch den Eindruck hatte, als tue er auch dies nur aus reiner Bosheit und um redliche Leute zu nasführen ... Kurz gesagt, war die Konstellation der Großmächte damals folgende. Gegeben war die althergebrachte dreihundertjährige Rivalität zwischen Österreich und Frankreich, — sie schien eine politische Konstante, mit welcher für alle Ewigkeit zu rechnen sei. Sie hatte Frankreich und Preußen zusammengeführt, zwischen denen das Bündnis vom Juni 1744 noch bis 56 lief, — aber es war etwas locker und fragwürdig geworden, seit Friedrich sich vor der Zeit — nach Frankreichs Meinung — aus dem Erbfolgekrieg zurückgezogen hatte. Was England betraf, so war sein Gegensatz zu Frankreich ja womöglich noch ehrwürdiger, als der Frankreichs zu Österreich. Frankreich stand groß da auf dem Kontinent, Frankreich hatte eine Flotte, Frankreich hatte überseeische Interessen (es gab da Streitigkeiten in Amerika, genauer: in Kanada) — Gründe genug für England, ein scharfes Auge auf Frankreich zu haben. Übrigens konnte Georg II. Friedrich so wenig leiden, wie irgend jemand ihn leiden konnte. Auch er war epigrammatisch verhöhnt worden, obgleich er keine Dame war. Und so hielt England zu Rußland (wo die Liebhaberin des Branntweins und der muskulösen Soldaten thronte), hielt zu ihm namentlich in Hinsicht auf Preußen, das noch als Bundesgenosse Frankreichs zu betrachten war und imstande sein würde, wenn England und Frankreich in offenen Streit gerieten, England an seiner kontinentalen Achillesferse, nämlich in Hannover, anzugreifen.... Eine besondere, vermischte und ängstliche Rolle spielte Sachsen-Polen, — Sachsen-Polen unter einem nichts weniger als starken August, oder vielmehr unter seinem Kabinetts- und Premierminister, dem feinen Grafen Brühl, einem großen Aufwandmacher, Lüdrian und Ränkeschmied, der das Land zunächst einmal finanziell und später auch politisch zugrunde richtete. Dieser Mann besaß zweihundert Paar Schuhe, achthundert gestickte Schlafröcke, fünfhundert Anzüge, einhundertzwei Uhren, achthundertdreiundvierzig Tabatieren, siebenundachtzig Ringe, siebenundsechzig Riechfläschchen, neunundzwanzig Kutschen und fünfzehnhundert Perücken. Doch dies nebenbei. — Auf Schweden glaubte Friedrich zählen zu dürfen, da seine Schwester Ulrike dort Kronprinzessin war. Auch war der französische Einfluß in diesem Lande vorherrschend, das heißt: es bezog französische Subsidien. Die Umtriebe, der Krieg der Schikanen und Federn gegen das vergrößerte Preußen, begannen sozusagen schon, als die Unterschriften des Dresdener Friedens noch naß waren. Nächst Österreich, das die Abtretung Schlesiens als durchaus vorläufig betrachtete, war es hauptsächlich Rußland, von dem diese Umtriebe ausgingen, wobei Österreich, wie sich versteht, die Rolle des Diplomaten mit der leichten Hand spielte, indes Rußland allezeit plump und zu jedem Komplott erbötig auf den Krieg und auf die Aneignung Ostpreußens hinarbeitete. Die auswärtigen Angelegenheiten Rußlands leitete, wie erwähnt, der Staatskanzler Bestuschew, der darauf bedacht war, im Verein mit den österreichischen und englischen Agenten den altböslichen Haß seiner Herrin gegen den König von Preußen zu nähren und die Macht seines halbwilden Landes den österreichischen Wünschen zur Verfügung zu halten. Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg bestanden kaum noch. Eine Art von latentem Fehdezustand herrschte. Jedes Frühjahr sammelten sich Truppen in den Ostseeprovinzen und drohten, die preußischen Grenzen zu überschwemmen. Damit es aber ein bißchen europäisch zugehe, gab es auch allerlei Schriftliches, auf Pergament, mit Geheimartikeln und allem Zubehör. Die Sache war die, daß schon Anfang 1745 von den Seemächten, sowie dem sächsisch-polnischen und dem ungarischen Hofe ein Bündnis eingegangen worden war, — das sogenannte und berühmte „Warschauer Bündnis“, welches, eigentlich erst zu Leipzig Mitte Mai jenes Jahres ratifiziert und nach außen hin ziemlich harmlos, eine besondere und geheime Abmachung, den „Warschauer Vertrag“, zwischen den Monarchen von Polen und Ungarn allein, enthielt, die ihre Spitze ausgesprochen gegen den Räuber Schlesiens richtete. Kaum war nun der Dresdener Friede geschlossen, als die Wiener Diplomatie schon in Dresden anfragte, der Warschauer Vertrag bestehe doch hoffentlich nach wie vor, — worauf Brühl für sein Leben gern mit einem herzhaften Ja geantwortet hätte, aber doch eben um seines Lebens willen damit zögerte, sich zu winden begann und all die folgenden Jahre sich zu winden fortfuhr, bis zum Eintritt der Katastrophe. Sachsen war im Dresdener Frieden ganz über Erwarten glimpflich davongekommen, obgleich es doch dem in Böhmen kämpfenden Friedrich in den Rücken gefallen war. Eine Geldbuße war alles gewesen, was ihm auferlegt worden war, — wie denn überhaupt der Sieger von Soor und Kesselsdorf sich damals überaus maßvoll, um nicht zu sagen großmütig gezeigt hatte. Brühls Haß gegen Friedrich aber, stark persönlich gefärbt, wie damals alles Politische, der Haß des üppigen und femininen Minister-Favoriten gegen den asketischen Arbeiter und Soldaten, war eingeboren und unsterblich, er stand dem österreichischen nicht im geringsten nach und hätte sich mit Wollust die Zügel schießen lassen, wenn nicht die äußere Lage Sachsens gegen die preußischen Staaten und die verabscheuenswürdige Vortrefflichkeit der preußischen Armee gewesen wäre. Der Warschauer Vertrag? Er bestehe, erwiderte Brühl, und er bestehe auch nicht. Er bestehe bedingterweise. Er bestehe, wenn Sachsen nicht etwa dabei zu Schaden kommen könne. Er bestehe, wenn Rußland mit von der Partie sei, — daß Rußland beitrete, sei unerläßlich, aber dann: wie gern! Es braucht nicht gesagt zu werden. Parfaitement, antwortete Österreich und wendete sich an Rußland, — das sich nicht bitten ließ; es war mit plumper und grenzenloser Erbötigkeit bei der Sache. Im Jahre 46 kam ein Defensivbündnis — o, nichts weiter! — zwischen Österreich und Rußland zustande, worin ein geheimer Artikel besagte, daß, wenn der König eines oder das andere angreife, er den Besitz Schlesiens verwirkt haben solle. — dieses geliebten, beweinten Schlesiens, das der Kaiserin-Königin immer teurer wurde, je mehr sie sah, was Friedrich herauszuwirtschaften verstand; des katholischen Schlesiens, dessen Verbleib unter ketzerischer und obendrein lästerlicher Herrschaft der Himmel nicht wollen konnte. Brühl wurde höflich zum Beitritt eingeladen ... Aber Brühl wand sich auch jetzt noch. Nein, keine Unterschrift, keine amtliche Festlegung, es war zu gefährlich! Und da man seiner guten Gesinnung sicher war, so erließ man ihm in Gottes Namen die Unterschrift. — Wenn jemand sagt, daß Sachsen im Bündnis gegen Friedrich gewesen sei, so lügt er. Sachsen hatte seine Neutralität gewahrt, Sachsen hatte nicht unterschrieben. Daß es mit Österreich nach Kräften das Seine tat, um in Petersburg gegen Preußen zu hetzen, ist eine Sache für sich. Aber es war neutral und hatte nichts unterschrieben. Ein Defensivbündnis, müßt ihr wissen, ist ein solches Bündnis, das erst in Kraft zu treten bestimmt ist, wenn auf die Verbündeten oder einen von ihnen seitens einer gewissen andern Macht oder Mächtegruppe ein Angriff verübt werden sollte. Wie man jedoch in der Strategie von einer offensiven Defensive spricht, so hat dergleichen, wie es immer wieder scheint, auch auf diplomatischem Felde sein Vorkommen, und wenn der beschwichtigende Name nicht wäre, so würde es zuweilen den größten Schwierigkeiten begegnen, ein Defensivbündnis von seinem odiösen Gegenteil zu unterscheiden. In der Politik wie im Leben überhaupt bedeutet in der Tat der Name meist nur eine Beschwichtigung und trifft seine Sache höchst oberflächlich. Ein Angriff kann ja aus Not geschehen und ist dann also kein Angriff mehr, sondern eine Verteidigung. Und wenn der Angriff den gegen ihn defensiverweise Verbündeten Vorteil verheißt, so ist es so gut wie unmöglich, die psychologische Grenze zu ziehen, wo der casus foederis sich aus einer Gefahr, der vorzubeugen man einig sein wollte, in eine Wünschbarkeit verwandelt. Er wird zu einer Frage der Sensitivität — es bleibt der Empfindlichkeit der Alliierten überlassen, wann einer von ihnen sich angegriffen fühlen will und wird — und um den Bündnisfall herbeizuführen, ist dann nur noch nötig, den Gegner auf eine oder die andere Weise zum Angriff zu nötigen, ihm die Rolle des formalen Angreifers aufzuzwingen, was kaum jemals sehr schwer und unter Umständen sehr leicht ist. Mit Sicherheit aber werden die Dinge sich so gestalten, wenn eine Macht wie das moskowitische Reich zu den Parteien des *„Defensivbündnisses“* gehört, eine Macht also, deren Expansionsdrang, gleich dem Sichrecken und dem Appe- tät eines Riesen, etwas Elementares und Unverantwortliches hat und die in dem Gefühle, letzten Endes unbesiegbar zu sein, zum Kriege allezeit plump und grenzenlos erbötig ist. Das gegen Preußen gerichtete Defensivbündnis zwischen Österreich und Rußland betreffend, so hatte Kaiserin Maria Theresia Schlesien ja mehrfach feierlich abgetreten, und sie war eine viel zu gottesfürchtige Frau, um es sich auch nur einfallen zu lassen, die Verträge von Breslau, Dresden und Aachen zu brechen. Ebendeshalb aber galt es für sie, eine moralische Möglichkeit zur Wiedergewinnung Schlesiens zu statuieren, und das geschah durch ihr Bündnis mit Rußland: denn wenn Friedrich angriffe, so sollte er Schlesiens Rechtens verlustig sein. War nun für die gute Maria Theresia der casus foederis eine Gefahr oder eine Wünschbarkeit? Sagen wir: eine ängstliche Wünschbarkeit oder eine verheißungsvolle Gefahr. Was aber Rußland unter Defensive verstand, erhellt aus der Tatsache, daß 1753 im Petersburger Staatsrate förmlich ausgesprochen und zu Protokoll genommen wurde, Preußen sei auch dann anzugreifen, wenn ein Verbündeter Rußlands den ersten Angriff mache, — eine Auslegung von vielleicht etwas allzuplüschem Charakter, die aber die Frage, worin ein Defensivbündnis sich, außer durch den Namen, von einem — anderen unterscheide, bis zu einem gewissen Grade statthaft erscheinen läßt. Wußte nun Friedrich von diesen Dingen? O doch, das eine und andere erfuhr er im Laufe der Jahre, wenn auch nur tropfenweise und in der Gestalt von abgerissenen Winken, so daß er es sich selber zusammenreimen mußte. Das Spionagewesen stand damals in reichstem Flor, es blühte eher noch prächtiger als heutzutage, und gerade Friedrich II. legte größtes Gewicht darauf, überall Spione zu unterhalten, an allen wichtigen Orten. Er nannte sie „Kuions“ oder „Pfaffen“ und konnte ihrer gar nicht genug haben, zumal sie nicht einmal sehr teuer waren. Brühl in Dresden hatte ein ganzes Chiffrekabinett eingerichtet, wo die preußischen Depeschen interzipiert wurden, und so kann man es schließlich als Gegenmaßregel bezeichnen, wenn Friedrich dort einen Kuion bezahlte, der ihn ein wenig auf dem Laufenden hielt über Vorgänge, deren Kenntnis für den König von einigem Belang war. Dieser berühmte Filou, Menzel mit Namen und seines Zeichens Kabinettskanzlist, hatte Zutritt zu den geheimen sächsischen Aktenschränken und stellte jahrelang von den Petersburger und Wiener Gesandtschaftsberichten Abschriften her, welche er nebst den Antworten des sich windenden Brühl getreulich nach Potsdam sandte. Was Friedrich diesen Urkunden entnahm, waren eben die Verhandlungen, welche Sachsen mit Österreich und Rußland zu Anfang und gegen Mitte der fünfziger Jahre pflog, — er las darin, wie Brühl sich wand, um die sächsische Neutralität zugleich zu wahren und zu verraten; wie man Rußland zum Beitritt bestimmte; wie seine plumpe Erbötigkeit ermuntert wurde, die Sache auf die Spitze zu treiben; wie eine fromme Kaiserin es anstellt, moralische Möglichkeiten zu schaffen; er lernte daraus, was ein gegen ihn gerichtetes Defensivbündnis sei, wenn er es noch nicht gewußt hätte; und gesetzt, daß er seinerseits nicht fromm und nicht friedlich war, daß er auf den Lorbeeren von Hohenfriedberg nicht zu ruhen gedachte, sondern in seiner Unvertraulichkeit irgendwelche aktiven Pläne hegte, — so gewann er mit jenen Papieren die moralische Möglichkeit, die er der guten Kaiserin durch seinen Angriff schaffen sollte ... Man sieht, die innere Lage war etwas verwickelt, wenn auch auf seiten Friedrichs wohl männlicher, höhnischer und weniger gewunden als bei Maria Theresia und dem Mann, der nach Friedrichs Wort fünfzehnhundert Perruquen und keinen Kopf hatte. Wir übergehen die zahlreichen Reibereien, Intrigen und Krisen zweiten Ranges, welche in diesen Friedensjahren die politische Welt beschäftigten, ohne auf der geraden Linie der Ereignisse zu liegen. Schon im Frühjahr 49 wäre es dem erbötigen Bestuschew um ein Haar gelungen, den europäischen Konflikt zustande zu bringen, und zwar auf der Grundlage des englisch-französischen Gegensatzes. Der Herzog von Newcastle, damals Leiter des Foreign Office, arbeitete an einem Bunde, der, gegen Frankreich gerichtet, außer den Seemächten Rußland, Österreich, Sachsen und ein paar weitere deutsche Staaten umfassen sollte, — sehr im Sinne Bestuschews, dem hier die Aussicht winkte, Schweden und Preußen in einen allgemeinen Krieg zu verwickeln. Er setzte in Schweden an, wo er eine Änderung der Thronfolge zu veranstalten gedachte, dergestalt, daß das Land unter russische Kontrolle gebracht und dem französisch-preußischen Einfluß entzogen worden wäre; und so hoffte er, Preußen zu kriegerischem Widerstande zu nötigen. Als er nun von England, Österreich und Sachsen eine Erklärung forderte, daß er bei seinen schwedischen Unternehmungen auf ihre Unterstützung rechnen könne, glaubte alle Welt an die Katastrophe. Aber Friedrich zog mit großer Bosheit den Hals aus der Schlinge. Er rief das französische Interesse für Schweden auf, er verwarnte milde den Londoner Oheim, und da er seinen diplomatischen Schritten Nachdruck verlieh, indem er seine Reserven einberief, so hielten England und Österreich es für angezeigt, sich von Rußland zu trennen. Übrigens ward Dänemark der preußisch-schwedisch-französischen Entente gewonnen, auch von dem Beitritt der Türkei war die Rede, die feindliche Stellung war gesprengt und der vereinsamte Bestuschew genötigt, seine Pläne auf bessere Zeiten zu vertagen. Aber die Initiative ging auf einen österreichischen Staatsmann über, dessen Name zu großem geschichtlichem Ruf gekommen ist und der an diesem Punkt der Entwicklung in ganzer Figur hervortritt: hager und steif, mit einer überaus sorgsam gepuderten Perücke, deren Locken die Falten seiner Stirn verbergen sollten, einem langen, gelassenen, blauäugigen, fast englischen Gesicht und einem großen Brillantring auf dem Sammetrock. Sein Name war Kaunitz, Wenzel Anton Graf Kaunitz, und später machte Maria Theresia, die seine Talente früh erkannt hatte, ihn zum Fürsten. Er war ein Sonderling, wie das achtzehnte Jahrhundert so viele hervorbrachte. Überaus hypochondrisch — eine Eigenschaft, die damals gleichfalls sehr häufig war —, verabscheute er die frische Luft und ging nie aus, so daß er weiß von Haut war wie eine Kellerpflanze. Außerdem trug er beständig ein ganzes Besteck von Instrumenten zur Reinigung seiner Zähne in der Tasche, das er am Ende jeder Mahlzeit — auch wenn er auswärts speiste — hervorzog, um vor aller Augen mit vielen Spiegelchen, Lanzetten und Läppchen in seinem Gebiß herumzuwirthschaften, bis der französische Gesandte einmal sagte: „Levons-nous! Le prince veut être seul,“ worauf Kaunitz überhaupt nicht mehr in Gesellschaft ging — und was der Schrullen noch mehr waren. Als Politiker jedoch war Kaunitz klug, weitblickend, vorurteilslos und von enormer Fähigkeit im Verfolgen einmal gefaßter Pläne. Dieser Mann hatte eigentlich nur einen Gedanken: den, daß Preußen übern Haufen geworfen werden müsse, wenn das durchlauchtigste Erzhaus aufrecht stehen solle. Das war ein guter und richtiger Gedanke von seinem Standpunkt aus, aber von Originalität zeugte er an und für sich noch nicht, originell und großartig waren vielmehr erst die Mittel, welche Kaunitz — und er allein — zur Durchführung dieses Gedankens ersann. Kaunitz begriff, daß man, um Preußen diplomatisch mattzusetzen und an die Wand zu drücken, es nicht allein aus der Allianz mit Frankreich lösen, sondern auch Frankreich auf Österreichs Seite ziehen müsse, — eine Konzeption, die, wenn Genie im wesentlichen Unabhängigkeit bedeutet, in der Tat genial genannt werden darf. Denn daß Frankreich und Österreich je Hand in Hand gehen könnten, galt in der Welt für völlig undenkbar; eher, dachte man, würden Wasser und Feuer sich vermischen, als daß Bourbon und Habsburg ein Bündnis einzugehen sich entschließen könnten. — diese beiden Häuser, deren Eifersucht nicht erst seit des großen Richelieu Tagen der ganzen Geschichte des Kontinents ihr Gepräge gegeben hatte. Aber mochte sie das getan haben, so sah Kaunitz darin keinen Grund, daß es immer so bleiben müsse. „Vieles“, so lautete seine Devise, „wird nicht gewagt, weil es schwer scheint, vieles scheint nur darum schwer, weil es nicht gewagt wird.“ Und danach handelte er. Entschloß Frankreich sich, dem Petersburger Schutz- und Trutzbündnis beizutreten, so war auch Schweden gewonnen; Sachsen würde nicht zögern, sich offen gegen Friedrich zu wenden, sobald es nichts dabei riskierte; und wenn das Kabinett von Versailles die deutschen Fürsten nicht mehr gegen das Haus Österreich aufwiegelte und unterstützte, war man auch der Loyalität der Reichsstände sicher. Jedermann hatte zu gewinnen bei diesem allgemeinen Einverständnis. Frankreich, wenn man durch seine Hilfe Schlesiens wieder habhaft würde, sollte in Flandern sich vergrößern dürfen. An Rußland würde Ostpreußen, an Sachsen-Polen Magdeburg fallen, und wenn dem Schweden im geringsten an Pommern gelegen war, so war er ein Narr, wenn er zur Seite stand! Schweden hatte übrigens keine Wahl, es war durch französische Gelder gebunden. Schloß sich, von Haß und Hoffnung gesäugt, dieses Monsterbündnis, so war Friedrich eingekreist, heillos und hoffnungslos, und eine Koalition war geschaffen, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte, eine ruhmwürdige Koalition, wie die Geschichte nicht würde umhin können auf den Namen Wenzel Anton Kaunitzens zu taufen. Diese Ideen waren nicht irgendeines Tages im Kopfe ihres Urhebers hervorgesprungen; wie alle guten Dinge hatten sie alte Wurzeln, und schon beim Aachener Frieden, den Kaunitz für Österreich abschloß, hatte er dem Hof von Versailles Brabant und Flandern geboten für den Fall, daß Österreich durch französische Hilfe Schlesien wiedergewönne. Aber Frankreich hatte abgelehnt, da es in Hinsicht auf England die preußische Allianz für zu wertvoll erachtete, um durch solche Abmachungen dagegen zu verstoßen. Seitdem hatte Kaunitz nicht aufgehört, das große Mißtrauen gegen den Bösen in Potsdam an allen Höfen zu nähren. Von 1747—48 war er Geschäftsträger in London, wo er Georg II. mit tausend Insinuationen und aufgegriffenen preußischen Depeschen gegen den Neffen bearbeitete. Aber im Jahre 1751 kam er nach Paris, und damit begann die eigentlich glorreiche Epoche seiner Intrigantenlaufbahn. Er lebte im Palais Bourbon wie ein vornehmer Privatmann mit einigen Frauen, die er unterhielt, und repräsentierte nur wenig. Mit den beiden Personen aber, auf die es ankam, mit dem Monarchen und der geborenen Poisson, stand er vorzüglich, und er war es auch, der seine Herrin in Wien zu jenen Princesse-et-cousine-Billetts vermochte, die wohl die schwersten Opfer waren, welche die Legitimität jemals auf dem Altare der Politik gebracht hat. Der Takt und die Ausdauer, womit Kaunitz sein Geschäft verfolgte, war bewunderungswürdig. Er mußte wohl, daß der allerchristlichste König, trotz seines noch laufenden Bündnisses mit Preußen, Friedrich im Grunde verabscheute. Louis war bigott und träge, ein Weibsmann, verhätschelt und üppig; der Protestantismus, die Freigeisterei, die Aktivität, das Soldatentum des brandenburgischen Vetters mußten ihm natürlicherweise widerwärtig sein. Das Bündnis mit ihm war von Staatsklugheit diktiert; es richtete sich gegen England, es bedrohte diesen Staat in seinem festländischen Besitz, in Hannover. Aber jeder Untergrund von persönlicher und dynastischer Sympathie fehlte ihm, und, das Politische einmal beiseite gesetzt, — menschlich angemessener wäre ohne Zweifel die Freundschaft zweier so alter und vornehmer Häuser wie Bourbon und Habsburg gewesen als die leidig bestehende zwischen Versailles und dem vorgestern emporgekommenen Exerziermeistergeschlecht von Potsdam. Wie war das übrigens, was jener Mensch über unsere Marquise, über den „Mätressenstaat“, über unsere allerhöchste Frömmigkeit und Faulheit in Vers und Prosa von sich gegeben hatte? Kaunitz spielte unter der Hand darauf an, und es tat seine Wirkung, zumal er gelegentlich Neues in dieser Art vorzulegen in der Lage war. Welche Frechheit, welche Undankbarkeit in diesem Könige! Welche Treulosigkeit von jeher! Nie hätte er ohne Frankreichs Wohlwollen Schlesien an sich gebracht, und zum Danke dafür, was hatte er getan? Er hatte Frankreich im Stiche gelassen und sich mit seiner Beute seitwärts in die Büsche geschlagen. So machten es die Kleinen, wenn die Großen einander befehdeten. Wem zu Nutz und Frommen hatten Frankreich und Österreich eigentlich seit Jahrhunderten einander in den Haaren gelegen? Cui bono — um lateinisch zu reden? Hatte eines von beiden dabei gewonnen? Nein, sie hatten einander gleichmäßig geschwächt. Gewonnen hatten die Mittleren und Kleinen, die sonst einfach zu gehorchen gehabt hätten und die nun im Trüben fischten; gewonnen hatte dieser preußische Länderdieb, der dank ihrem Zwiespalt zu einer Stellung gelangt war, die ihm von Natur nicht im geringsten zukam. Kaunitz war nicht der Draufgänger, zu behaupten, daß eine Verständigung zwischen Frankreich und Österreich denkbar, möglich oder vielleicht sogar notwendig sei. Aber es war unterhaltend, sich vorzustellen, wie es sein werde, wenn eine solche Verständigung im Bereich des Möglichen würde gelegen sein. Kein Zweifel, man würde sich wie im Himmelreich fühlen. Alle Sorgen und Unzuträglichkeiten hätten dann ein Ende, und was ein jeder sich wünschte, das fiel ihm in den Schoß. Das arme Schlesien würde binnen kurzem den Klauen des Bösen entrissen sein, und da auch Frankreich seine Träume hatte, slawische Träume, wir glauben es zu wissen, so würde Österreich Gelegenheit haben, sich erkenntlich zu zeigen. Was weiter? Weiter wohl nichts. Oder doch nur dies, daß Frankreich und Österreich, vereinigt, einfach alles würden tun können, was sie wollten. Mit beiderseits gemehrter Macht, prächtig im Gleichgewicht und ohne irgendwelchen Anlaß zur Eifersucht, würden sie herrschen in Europa, und jeder fremde Wille würde vor ihrer Einhelligkeit sich beugen müssen. So würde es sein, wenn eine Verständigung zwischen ihnen möglich gewesen wäre. Aber das war wohl eben leider durchaus nicht der Fall. Es war hergebracht, daß sie einander entgegenarbeiteten, damit sie es beide zu nichts brächten, und dabei mußte es natürlich für alle Ewigkeit bleiben. Die Gewohnheit war stark, und am stärksten waren schlechte Gewohnheiten. Am stärksten war das Vorurteil, und die Vernunft hatte sich zu bescheiden. Oder nicht? Oder doch vielleicht einmal nicht?! Dies tröpfelte Kaunitz in jedes Ohr, das ein wenig stille hielt. Er brachte seine Theorie bei jeder Gelegenheit an, wandte sie hin und her und ließ sie in verschiedener Beleuchtung spielen. Sie erregte Heiterkeit und dann Nachdenken. Man fand sie keck, fand sie amüsant und endigte damit, sich zu fragen, ob sie nicht mehr sein könne als ein Witz. Allmählich wurde sie zum dernier cri, zur politischen Mode, zum schicksten Gesprächsstoff der Boudoirs und Kaffeehäuser. Die geborene Polin war entzückt davon — und dann hatte ihr doch die Kaiserin obendrein so reizend geschrieben! Immerhin, den Preußen von sich zu stoßen, dagegen sprachen im Kabinett doch einige ernsthafte Gründe. Und Kaunitzens Paradoxe würden kaum sobald eine halbwegs körperliche Gestalt angenommen haben, wenn nicht eben derjenige seine Arbeit gefördert hätte, gegen den sie sich richtete. Friedrich fühlte wohl, daß eine kühlere Luft von Versailles her zu wehen begonnen hatte, und er fand Frankreichs Verhalten um so törichter, als er einen englisch-französischen Konflikt groß und schwarz am Horizont emporwachsen sah. Es mußte wegen der kanadischen Grenzregulierung notwendig zu Händeln kommen; die Rivalität der beiden Mächte zur See drängte zu einem kriegerischen Austrag; und da Friedrichs Bündnis mit Frankreich sich unmöglich auch auf eine preußische Garantie der französischen Besitzungen in Amerika erstrecken konnte, so fand er, daß Frankreich Grund gehabt hätte, sich seine Freundschaft recht angelegen sein zu lassen. Was wollte dieser Hof? Wollte er den Krieg zu Lande führen und England in Hannover angreifen, so mußte ihm die Hilfe Preußens wichtiger sein als diese junge Liebschaft mit Österreich, — ein Getändel, das, wenn der Krieg mit England einmal da war, ohnehin ein rasches Ende würde nehmen müssen. Seit den Tagen Ludwigs XIV. war in einem französisch-englischen Kon- fällt der Platz Österreichs, so gut wie der Hollands, auf englischer Seite. Und was Rußland betraf, so sparte England nicht die Guineen, um die moskowitische Heeresmacht „gegen den gemeinsamen Feind“ zu erkaufen. Dieser „gemeinsame Feind“ zu sein, durfte Friedrich sich schmeicheln. England besaß in ihm einen nicht ganz ungefährlichen kontinentalen Nachbarn, und es handelte klug, gegen einen preußischen Angriff auf sein Kurfürstentum Hannover Vorkehrungen zu treffen. Aber während es seine Diplomaten sich tummeln ließ, was tat Frankreich? Es tat überhaupt gar nichts, während es doch mindestens drei Dinge hätte tun müssen. Es mußte die Türkei in Bewegung setzen, um die beiden Kaiserreiche im Zaum zu halten. Es mußte ferner sich mit Friedrich über Hannover verständigen. Und es mußte endlich, um England zur Räson zu bringen, Hannover angreifen. Friedrich erwartete seit Monaten den Herzog von Nivernais zu Unterhandlungen in Potsdam. Aber der Herzog kam nicht. Offenbar hintertrieb Kaunitz seine Abreise. Friedrich fand das Verhalten des „Mätressenstaates“ albern, zerfahren und erbärmlich. Während England seine Flotte nach Amerika sandte, während es französische Schiffe aufbrachte und König Georg im Parlament drohte, schien dieser Louis mit seiner geborenen Poisson der Ruhe pflegen zu wollen. Seine Unternehmungen beschränkten sich darauf, daß er seinen Minister des Auswärtigen namens Rouillé dem preußischen Gesandten folgenden Vorschlag machen ließ: „Schreiben Sie an den König von Preußen, er solle uns gegen Hannover beistehen. Es gibt Beute zu machen. Der Schatz des Königs von England ist gut gefüllt. Der König braucht nur zuzugreifen.“ Das war unverschämt; aber es zeigt beiläufig, welche Vorstellungen man sich in Europa und besonders in Versailles von dem Sein und Wesen König Friedrichs machte. Dieser ließ antworten, über solche Vorschläge verhandle man wohl besser mit einem Mandarin (das war ein berüchtigter Straßenräuber). Er hoffe, Herr Rouillé werde künftig einen Unterschied zwischen den Personen machen, mit denen er zu tun hätte. — Eine stolze, eine sittenstrenge Antwort und eine Antwort, die in England ausgezeichneten Eindruck machen mußte. Friedrich hatte zwischen Frankreich und England gewählt. Er sah Frankreich schwankend, schwächlich, ohne Vertrauen. Er fühlte sich überdies in Paris von Kaunitz unterminiert. Er gab Frankreich auf. Seine Überzeugung war, daß er, wenn er Hannover angriffe, Engländer, Österreicher und Russen gegen sich haben werde. Trat er dagegen auf Englands Seite, so kämen erstens die Franzosen nicht nach Deutschland, so hatte er zweitens für alle Fälle, die künftig etwa eintreten mochten, den großen Geldgeber auf seiner Seite; so war zugleich die Verständigung mit Rußland erzielt, und wer wußte, ob es nicht sogar möglich war, Rußland von Österreich abzuziehen und Maria Theresia durch Isolierung aller Hoffnungen auf die Wiedererlangung Schlesiens zu ent- wöhnen? Solchermaßen kam Friedrichs humorlose Antwort an Herrn Rouillé zustande, — und England horchte auf. Konnte es den gefährlichen Nachbarn Hannovers für sich gewinnen und so die kontinentale Rückendeckung für seinen Seekrieg mit Frankreich erhalten? England tat Schritte. Und bald fand man einander. Mitte Januar 1756 ward eine Konvention von Westminster geschlossen, worin Preußen und England einander im allgemeinen Frieden und Freundschaft gelobten und sich im besonderen verpflichteten, jeder Macht den Ein- und Durchmarsch von Truppen in Deutschland zu wehren. Weiter war es nichts. Es war eigentlich nicht viel. England hatte durchaus nicht die Absicht, sich Friedrichs wegen mit Österreich und Rußland zu überwerfen; Friedrich seinerseits glaubte vielleicht nicht, daß eine Verständigung mit England ohne weiteres den Bruch mit Frankreich bedeute. Aber Frankreich war außer sich. Ja, Kaunitz hatte recht: Dieser Mann war durch und durch ein Elender. Offen trat er auf die Seite von Frankreichs Feinden. Aber man wird ihm zeigen . . . Man zeigte es ihm. Kaunitz, der unterdessen in Wien an die Spitze der Geschäfte getreten war und in Paris durch den Grafen Starhemberg verhandeln ließ, konnte auf einmal die schönsten Fortschritte seiner französischen Unternehmung verzeichnen. Damals war es, daß unsere Marquise bewies, wie gut sie einem richtigen Staatsrat vorzusitzen verstand. Im Boudoir ihres Lustschlößchens Babiole fanden jene geheimsten Unter- handlungen zwischen ihr, dem Grafen Starhemberg und dem Abbé Bernis, ihrem Günstling, statt, welche am 1. Mai 1756 zu einem „Neutralitäts- und Defensivvertrag“ zwischen Frankreich und Österreich führten: dem Vertrag von Versailles, der die Antwort auf den von Westminster bildete und der in der Tat schon so gepfeffert war, daß man ihn eine „Blanko-Kriegserklärung“ für den österreichischen Staatskanzler genannt hat. Es stand darin, daß Frankreich und Österreich zusammenstehen wollten, daß eins dem anderen im Bedürfnisfalle vierundzwanzigtausend Mann Hilfstruppen stellen wolle, und auch von Subsidien an Österreich stand allerlei darin. Daß Österreich an Frankreich niederländisches Gebiet abtreten wolle, sobald Österreich durch französische Hilfe Schlesien wiedergewönne, stand noch nicht darin, obgleich fort und fort darüber verhandelt wurde und obgleich die Marquise es auch so meinte. Und wenn nur Frankreich außer sich gewesen wäre! Aber auch Rußland war außer sich. „Wie!“ rief Elisabeth. „Haben wir deshalb von England so viel Geld genommen, damit nun England diesen Mann beschützt, der mich harmloser Liebhabereien wegen vor ganz Europa verhöhnt hat?“ Rußland wendete sich ab von England. Mit wütender Eile suchte es sich mit Frankreich wieder ins Einvernehmen zu setzen. Mit wütender Dringlichkeit bot es in Wien eine plumpe und deutliche Offensivallianz gegen Preußen an. Es war kaum zu halten. Kaunitz, der mit Frankreich noch nicht, wie er es wünschte, im Reinen war, mußte geradezu abwiegeln in Petersburg und inständig um Diskretion ersuchen, „da sonst der desperate König von Preußen seine Gegner jählings überfallen möchte“. Friedrich also hatte sich vollkommen verrechnet, — gesetzt nämlich, daß er gerechnet hatte, wie die Schriftsteller (zu denen auch er selbst gehört) es ihm unterstellen; gesetzt, daß er nicht die ganze Zeit in den Tiefen seines Wesens gewußt hat, er werde so oder so seine junge Großmacht eines Tages gegen Europa zu verteidigen, zu beweisen haben, und daß er seit längerem dazu bereit war. Uns scheint heute, daß wohl beides der Fall war, daß er den Krieg im Blute hatte, daß er aber, mehr aus Bosheit denn aus übergroßer Friedsamkeit, nach Kräften rechnete und diplomatisierte, um das Verhängnis eine Weile zu nasführen. Jedenfalls brachte der Traktat von Westminster in Europa ein politisches Drüber und Drunter unglaublicher Art hervor, und ein Kritiker von damals hätte sagen können, dieser königliche Staatsmann sei ein dermaßen talentloser Stümper, daß er es fertiggebracht habe, geborene und geschworene Erbfeinde gegen sich zu vereinigen. Ein System von neuen Verträgen entstand. Österreich hielt nicht zu England gegen Frankreich, Bourbon und Habsburg reichten einander die Hände. Rußland achtete seinen englischen Subsidienvertrag vom vorigen Jahre für gar nichts mehr; es hielt wütend zu Frankreich und Österreich. Es war an dem, sie waren einig, die drei größten Mächte des Kontinents. Und auf der anderen Seite stand Friedrich, — mit einem nicht übertrieben treuherzigen Freunde, der ihm dauernd verschwieg, daß es mit der russischen Freundschaft nichts mehr sei, dem überdies ein großer Seekrieg die Hände band, dessen berühmte Geldkatze ihm aber vorderhand und solange es ihm nicht gar zu schlecht erging, zur Verfügung stehen würde. Dies war die Lage, und Friedrich überschaute sie binnen kurzem ziemlich genau. Nicht umsonst unterhielt er an allen Höfen seine Kujons. Er kannte die Geheimnisse von Babiole. Aus dem Haag kamen Andeutungen über die russisch-französische Annäherung. „Seid ihr der Russen auch sicher?“ fragte er Mitchell, den englischen Gesandten, beständig. Und Mitchell antwortete: „Meine Regierung ist ihrer ganz sicher.“ Um dann leiser hinzuzufügen, daß er selbst für seine Person weniger sicher sei und einen Kurier aus Rußland empfangen habe, der versichere, daß bis zur livländischen Grenze alle Wege voll marschierender Russen seien. Denn der Schotte Mitchell war ein ehrlicher Mann und verehrte den König sehr. Zum Überfluß kamen auch aus Dresden Nachrichten über das Drängen Rußlands und seine Abkehr von England. Der Wiener Gesandte meldete Näheres und Weiteres über das offensiv gefärbte österreichisch-französische Bündnis, welches, noch nicht unterfertigt, aber emsig beplaudert, sich in die Worte fassen ließ: „Mit dem Tage, an dem Österreich durch französische Hilfe Schlesien wieder gewinnt, tritt es an Frankreich Teile der Niederlande ab.“ Und alles zusammengenommen, traten die Kaunitzischen Pläne, seine Koalitionsideen, seine Teilungsträume klar zutage. Es war viel, was Friedrich da in Händen hatte, völlig genug, um ihm jene „moralische Möglichkeit“ zu verschaffen, die er der frommen Maria Theresia durch seinen Angriff verschaffen sollte ... Seine Gemütsstimmung damals glauben wir zu ahnen, — ohne uns zu vermessen, sie wirklich nachfühlen zu können. Ein schlimmes, bitteres und mephistophelisches Gelächter muß in ihm gewesen sein über die Beflissenheit, mit welcher der Klüngel drüben sich unschuldig zu halten, defensiv zu tun und ihm das Odium des Angreifers zuzuschieben trachtete, — ihm, der erhaben war über die Heuchelei oder Einfalt einer Psychologie, welche zwischen „Offensive“ und „Defensive“ säuberlich unterscheidet, und der Schuld und Odium gar nicht fürchtete. Nochmals, er fühlte, daß Preußen sich werde zu beweisen, zu behaupten haben; er hatte den Krieg im Blut, er meinte den Krieg, wo die anderen vielleicht vorderhand nur diplomatische Mächlereien meinten. Der Entwurf zu jenem österreichisch-französischen Bündnis, dessen Ziel die Wiedereroberung Schlesiens war, hatte den Angriff Friedrichs zur Voraussetzung und war immer noch nur ein Entwurf. Der ganze Kaunitzische Koalitionsplan zur Vernichtung Preußens war vorderhand nicht mehr als das, und sehr wenig davon stand auf dem Papier. Es gibt kein Aktenstück, aus dem sich die Absicht Maria Theresias, Preußen anzugreifen, die Teilnahme Sachsens und Rußlands an solchen Plänen für einen ganz Unparteiischen oder einen Feindseligen bündig erweisen ließe. Kein Mensch, gelehrt oder ungelehrt, wird je entscheiden können, ob die Entwürfe jemals zustande gekommen wären, wenn nicht ... Noch eins! Ein Zeitgenosse, der es wissen mußte, Graf Herzberg, der im Auftrage des Königs selbst eine Schrift über die Vorgänge von 1756 und vorher verfaßte, hat dreißig Jahre später erklärt: „Es ist zwar ausgemacht, daß Pläne, Friedrichs Länder zu teilen, existierten, aber da sie nur eventuell waren und stets die Bedingung voraussetzten, daß dies nur geschehen solle, falls er Anlaß zum Kriege geben würde, so wird es immer unentschieden bleiben, ob diese Pläne jemals wurden zur Ausführung gekommen sein.“ Wenn nämlich nicht? Wenn nämlich Friedrich nicht losgeschlagen hätte. Forscht man in den Büchern, um sich zu unterrichten, ob der furchtbare Krieg, der so begann, nun eigentlich ein Abwehr- oder ein Angriffskrieg von seiten Friedrichs gewesen sei, so findet man, daß die Geschichtschreiber einander bis zur Komik widersprechen. Diejenigen, deren Brust mit Orden bedeckt ist, erklären, daß gegen die verleumderische Hypothese eines seit langem vorbereiteten Angriffs- und Eroberungskrieges geradezu alles spreche, — alle öffentlichen und intimen Äußerungen des Königs, sein gesamtes Verhalten in den zehn Friedensjahren und in den letzten Sommermonaten vor Eintritt der Katastrophe. Geradezu alles, sagen die, deren Brust nicht mit Orden bedeckt ist (was natürlich nur die Folge, nicht die Ursache ihrer Meinungen ist), die das Genie auf dem Strich haben und es von vornherein nicht für tugendsam halten, — geradezu alles, sagen sie, was wir von diesem großen Spitzbuben wissen, spricht für die Auslegung als Offensivkrieg! Was liegt an seinen Äußerungen? Sie sind ebensoviele Verschleierungen und Winkelzüge. „Wenn ich glauben könnte, daß mein Hemd oder meine Haut etwas von dem wisse, was ich tun will ...“ Man erinnert sich, hat er nicht auch gesagt, daß er nicht jenen Fürsten gleichen wolle, die durch eine blendende Handlung sich Ruhm erwerben und nachher Ruhe und Frieden genießen? Seine Pläne datieren von langer Hand her. Er wollte Sachsen und Westpreußen erobern, das ist alles, und er spionierte die diplomatischen Vorkehrungen der anderen aus, um Vorwände für seinen Angriff zu sammeln. — So widerspruchsvoll geht die Rede. Was *uns* betrifft, wenn man uns fragt, wir möchten wohl schweigen dürfen. Denn uns ist zumute, als ob Schweigen das Resultat der einander aufhebenden Meinungen über das Leben und über die Taten sei. Daß Friedrich den Krieg begann, ist kein Beweis dagegen, daß es ein Verteidigungskrieg war; denn er war eingekesselt und wäre möglicherweise im nächsten Frühjahr angegriffen worden. Aber hat er den Krieg gewollt? Die Frage führt in die Schlünde des nie ausgedachten Problems von der Willensfreiheit. Er hat wohl zeitig gewußt, daß er ihn werde wollen müssen; und nachdem er das Verhängnis eine Weile genasführt, hatte er Bosheit und Menschenstolz genug, um ihn frei zu wollen. So viel ist wahr, daß die anderen, wie sie auch immer gezettelt haben mochten, mit Rüstungen erst begannen, als diejenigen Preußens das große und allgemeine Mißtrauen zur Gewißheit machten. Schon im Frühling dieses Jahres 1756 hatte Friedrich ein Korps unter Feldmarschall Lehwald nach Stolp in Ostpreußen geschickt, ferner, angeblich um Hannover zu schützen, Anordnungen zur Heranziehung der westfälischen Regimenter getroffen und die schlesischen Festungen stark proviantiert. Seine eigenen Offiziere hatten darüber die Köpfe geschüttelt. Nach Mitte Juni wurde der Alarmzustand in Ostpreußen sowohl wie Schlesien erklärt, die Urlaube zurückberufen, die überzähligen Mannschaften vor dem Termin der regelmäßigen Übungen eingezogen. Eine Armee war damals schon völlig mobil; sie stand in Hinterpommern als Reserve für Ostpreußen bereit. Der Feldzugsplan, vom König gemeinsam mit General von Winterfeld ausgearbeitet, war längst fertig, nur Nebensächlichkeiten waren zu ändern. Winterfeld, eine Art Generalstabschef, saß gebückt über Marschdispositionen und Tabellen. Überall wurden Pferde gekauft. General von Retzow hatte das Amt eines Feldintendanten. Die Gliederung, der Aufmarsch des Heeres in drei großen Abteilungen ward festgelegt. Die Maschine arbeitete glatt ... Und Kaunitz kniff lächelnd die Lippen zusammen. Die Majestät von Preußen, sagte er, macht schon den zweiten großen Staatsfehler. Zuerst Westminster und nun diese Kriegsveranstaltungen. Wie gut, daß wir nicht früher gerüstet haben, — man hätte alles verderben können. Nun haben wir und Rußland den besten Anlaß, unsere Truppen an die Grenzen zu werfen. Und Österreich setzte eine außerordentliche Rüstungskommission ein; es brachte seine Regimenter auf Kriegsfuß und konzentrierte sie in Böhmen und Mähren. Am 10. Juli befahl Friedrich seine Generale nach Potsdam, trat unter sie und erklärte kurzweg, der Krieg müsse beginnen. „Das muß er,“ sagte Winterfeld. „Unmöglich!“ sagten alle übrigen und rieten aufs dringendste ab. Es waren preußische Generale, Haudegen, Schwerin, Keith, Retzow, Schmettau, Ferdinand von Braunschweig, aber sie rieten aufs allerdringlichste ab. Die Brüder des Königs gar trauten ihren Ohren nicht. „Sollen wir glauben,“ rief Prinz Wilhelm, „daß Ew. Majestät dieser Übermacht Herr zu werden hoffen! Die größten Mächte Europas, die öffentliche Meinung des Erdteils sind gegen uns! Und das Recht? Ach, Sire, es ist nicht für uns!“ — „Der Überlegenheit den Sieg entreißen wollen, das heißt Gott versuchen, das heißt den Untergang von der Vorsehung ertrotzen!“ riefen die Prinzen Heinrich und Ferdinand. Aber Friedrich machte Papperlapapp und verhöhnte sie, indem er ihnen vorschlug, zu Hause zu bleiben, wenn sie Angst hätten. Worauf sie natürlich hitzig wurden und riefen, Gehorsam gehe ihnen über persönliche Ansichten. Und Friedrich zuckte die Achseln. Er hatte in der Welt nicht eine moralische Stütze. England warnte ihn unablässig, sein gewisses Verderben heraufzubeschwören, von dem es ihn nicht erretten könne. Als er aber Mitte Juli erfuhr, daß Österreich auf der ganzen Linie rüste, ließ er in Wien die Frage stellen, die einem Ultimatum schon verzweifelt ähnlich sah: Ob die Rüstungen auf ihn zielten. Wahrscheinlich hoffte er damals, durch ein brüskes Auftreten die Koalition zu sprengen. Wenn es im Hochsommer zum Klappen kam, so, rechnete er, würde Rußland dieses Jahr nicht mehr marschieren wollen, — ja, vielleicht würde es überhaupt noch durch englisches Geld zurückgehalten, oder durch einen Thronwechsel, denn Mütterchen war nicht von der besten Gesundheit, ihre Liebhabereien bekamen ihr nicht gut. Was Frankreich betraf, so hatte es ja den Vertrag von Versailles unterschrieben, — aber was ist leichter, als den casus foederis wegzuleugnen, wenn man nicht will und nicht kann? Und dem König schien, Frankreich könne jetzt nicht. Wenn aber Frankreich und Rußland abfielen, — würde Österreich sich ihm allein stellen? Friedrich glaubte es nicht, — hoffte es nicht. Gehen sie eben, sagte er, mit dem Kriege schwanger, so wird er ihnen als Geburtshelfer beistehen. Ein abscheuliches Bild! Und schon wieder eine Anspielung auf die Weiblichkeit des Gegners. Wien ließ, weil man nicht fertig war, vierzehn Tage lang auf die Antwort warten. Dann kam sie. Bei der allgemeinen Krisis, erklärte Maria Theresia, habe sie zu ihrer und ihrer Verbündeten Sicherung Maßregeln getroffen, die niemandem zum Schaden gereichen sollten. Eingeladen von Kaunitz. Tückisches, diktatorisches Zeug. Friedrich drang weiter. Die Vereinbarungen Österreichs mit Rußland, ließ er sagen, seien ihm nicht verborgen geblieben. Wenn Ihre Majestät ihm nicht klipp und klar, ohne Anwendung des vagen österreichischen stylus, die Versicherung gebe, sie werde ihn in den nächsten beiden Jahren nicht angreifen, so werde Höchstdieselbe sich alle Folgen vorzuwerfen haben, welche ihr Schweigen nach sich ziehen müsse. — Daß diese Zumutung überhaupt nicht erörterungsfähig war, lag auf der Hand. Friedrichs eigener Gesandter fand kaum den Mut, sie weiterzugeben. Aber gleichzeitig mit dem Ultimatum machte Friedrich auch schon mobil, in kurzen Schlägen, zuerst die Pommern, dann die Westfalen, Schlesier, Brandenburger, zuletzt die Berliner Garnison. Die Truppen waren in sechs Tagen kriegsbereit und brauchten dann noch einige Tage, um ihre Sammelplätze zu erreichen. Schwerin stand mit dreißigtausend Mann in Schlesien. Die drei Kolonnen, die der König selbst kommandierte, schoben sich gegen eine gewisse Grenze ... Tiefes Geheimnis waltete; nicht einmal die Abteilungsführer wußten Bescheid. Es gab noch eine Verzögerung ... Was antwortete Wien? Nach vollen drei Wochen antwortete es kurz und von oben herab: Der Anfang der Rüstungen sei von Preußen gemacht. Übrigens bestehe das Bündnis mit Rußland seit einem Jahrzehnt und sei kein Offensiv- traktat, — woraus sich die Hinfälligkeit der preußischen Besorgnisse ergebe. Eingeblasen von Kaunitz. Zwischen den Zeilen stand zu lesen: Glaubst du’s, so bist du ein Tropf und wirst an die Wand gedrückt; glaubst du’s nicht, so bist du ein ruchloser Störenfried. Nun wähle! — Da gab Friedrich Befehl, die sächsische Grenze zu überschreiten. Die sächsische Grenze?! Aber Sachsen war ja neutral! Sachsen spielte ja gar nicht mit!! — Das war ganz einerlei, — Friedrich fiel am 29. August mit sechzigtausend Schnurrbärten in Sachsen ein. Von dem Lärm, der sich über diesen unerhörten Friedens- und Völkerrechtsbruch in Europa erhob, macht man sich keine Vorstellung. Oder doch, es ist wahr, ja, neuerdings macht man sich wieder eine Vorstellung davon. Wollen wir aber Friedrich hören, bevor wir Europa hören, so war, seinen Aeußerungen zufolge, dieser Rechtsbruch das Ergebnis etwa folgender Berechnungen und Erwägungen. Unbedingt mußte er sich Sachsens versichern, damit es sich nicht, wenn ihm der Augenblick gekommen schien, auf die feindliche Seite schlage. Unter keinen Umständen durfte es gehen wie Anno 44, wo Sachsen ihm mit dem Dolch in den Rücken gefallen war. Durch die Besetzung des Landes, mit der die Entwaffnung des Heeres oder vielmehr seine Eingliederung in des Königs eigene Armee zu verbinden war, mußte er sich eine gesicherte Operationsbasis gegen Böhmen schaffen. Eine wahre und redliche Neutralität gab es nicht zu verletzen. Mit dem Herzen, mit seinem bösen Willen stand Sachsen auf seiten der Koalition, wenn auch Feigheit es gehindert hatte, solche Zugehörigkeit manifest werden zu lassen. Tat Friedrich dem Buchstaben nach unrecht, brach er eine Neutralität, die auf dem Papiere stand und deren Verrat nicht auf dem Papiere stand, so handelte er in bitterster Notwehr. Er mußte Schuld auf sich laden, um die Schuld seiner Gegner an Tag bringen zu können, mußte sich unbedingt des Dresdener Archivs bemächtigen, dieses Teufelsnestes, aus dem er die Umtriebe Sachsens aller Welt würde nachweisen können. War Sachsen gescheit, so leistete es ihm keinen Widerstand und ließ ihn passieren, so daß er beizeiten über das Gebirge kam. Bestand es aber darauf, seine Haut für Österreich zu Markte zu tragen, so war er gewillt, es zu zermalmen. Wenn Schwerin eine Invasion in Schlesien zurückwies und Friedrich überraschend in Böhmen erschien, würde die Kaiserin sich nicht dann vielleicht eines Besseren besinnen? Vielleicht würde er mit *einem* Streiche das Gespinst, das ihn einschnürte, zerhauen haben, so daß es zerging und ins Nichts zerflatterte? Denkbar war freilich auch das andere, daß die ringsum schwebenden Entwürfe fest wurden dank seinem Eingriff, wie eiskaltes Wasser in einer Schale erstarrt, sobald sie erschüttert wird. Aber so oder so, es mußte ein Ende gemacht werden. So Friedrich. Aber Europa hatte für solche Erwägungen und Experimente durchaus keinen Sinn. Europa schrie auf wie aus einem Halse, es war schrecklich anzu- führen. Das Publikum bezahlte ja seine Journals, die es auf dem Laufenden hätten halten können, in seinen Augen geschah der jähe Einmarsch ins Sachsenland sozusagen im tiefsten Frieden und bedeutete eine so schamlose Widerrechtlichkeit, einen Raubanfall so ungeahnt abscheulicher Art, daß niemand sich zu fassen wußte. Ein neutrales Land zu vergewaltigen, ein gutes, schuldloses Land, das sich solcher Roheit nicht im geringsten versah und noch ganz kürzlich seine Heeresmacht auf eine rührend friedliche Ziffer herabgemindert hatte, auf knappe zweiundzwanzigtausend Mann, damit Brühl sich weitere perruquen, Kutschen und Riechfläschchen kaufen könne! Es war unleidlich, es zerriß einem das Herz, es konnte und durfte nicht sein, daß dieser schnupfende Satan alles, was Gesittung, Gerechtigkeit, Menschlichkeit hieß, alles, was das Leben veredelt und woran zu glauben dem Redlichen Bedürfnis ist, unter seine Kanonenstiefel trat! Und Europa schrie fort, schrie ohne Atem zu holen, und am lautesten, selbstverständlich, schrie Österreich, den Zeigefinger auf Friedrich gerichtet und beständig wiederholend: „Da habt ihr’s! Da habt ihr es nun!“ In der Tat, Sachsen war auf den Kampf nicht im mindesten gefaßt. Gezettelt hatte es, aber gefaßt war es auf gar nichts. Dennoch, mitgerissen von der allgemeinen Entrüstung, die es in dem falschen und sentimentalen Gefühl seiner Unschuld und seines Rechtes heillos bestärkte, wählte es die Rolle eines Märtyrers für Österreich und für das Völkerrecht, — die es alle beide vor dem Verderben nicht schützen konnten. Dem meisterhaften, in vollkommener Ordnung und Disziplin sich vollziehenden Einmarsch der Preußen zu widerstehen, war unmöglich. Die sächsische Wehrmacht zog sich eilig auf die böhmische Grenze zurück und ließ Wittenberg, Torgau, Leipzig und dann auch Dresden, ließ das ganze Kurfürstentum ohne Schwertstreich in Friedrichs Hände fallen und in preußische Verwaltung nehmen. Aber zu Pirna, in einem befestigten Lager, setzte sie sich fest, mit ihr König August, der dorthin von Dresden geflohen war. Dieser sonst schlaffe Fürst legte jetzt, moralisch gestützt von der ganzen Welt, eine erstaunliche Hartnäckigkeit an den Tag. Was Friedrich ihm zumutete, war ja ein wenig stark. Er verlangte nicht mehr und nicht weniger als ein Offensivbündnis gegen Österreich und den Fahneneid der sächsischen Truppen. Mit anderen Worten: Sachsen sollte sein Schicksal auf Glück und Verderb mit dem Preußens verbinden, — denn, fügte Friedrich hinzu, Sachsen und Preußen seien zwei Staaten, die einander nicht entbehren können und deren wahrer Vorteil es erfordere, ewig verbunden zu bleiben. Die Zukunft hat gelehrt, daß nicht nur der Vorteil von Preußen und Sachsen, sondern sogar auch der von Preußen und Österreich ein dauerndes Bündnis erheischt. Aber damals war man noch nicht so weit, und Friedrichs Theorie, aufgestellt unter diesen Umständen, mußte satanisch anmuten. „Wie sollte ich“, schrieb August in verschiedenen Briefen, „meine Waffen gegen eine Fürstin wenden, die mir niemals Grund dazu gegeben? Es ist mein Wille, keinen Teil an diesem Kriege zu nehmen.... Meine Rechtschaffenheit, die ich bis zum sechzigsten Lebensjahr bewahrt habe, gestattet mir nur, Ew. Majestät zu erwidern, daß Sie sich meiner Länder ohne Ursache bemächtigt haben. Europa wird richten über meine Sache und über die Erschütterung des mir von Ihnen zur Last gelegten Planes, von dessen Nichtexistenz alle Höfe Europas überzeugt sind.... Es scheint, daß Ew. Königliche Majestät keine andere Sicherheit für sich finden, als in dem Untergange meiner Armee, entweder durch Eisen oder Hunger. Es fehlt noch viel, daß das letztere geschehen dürfte, und in Ansehung des ersteren, so hoffe ich, daß durch den Schutz des Höchsten und durch die Standhaftigkeit und Treue meiner Truppen ich für den äußersten Fall sicher bin.“ Es waren gute, ja ergreifende Briefe, die das Bewußtsein, von ganz Europa moralisch gestützt zu sein, dem armen König August eingab, und ebenso gut und ergreifend sprach er zu seinen Soldaten. Sie sollten sich, sagte er, trotz der Macht des Feindes mit ihm nach Böhmen durchschlagen (was ganz unmöglich war); er sei entschlossen, sein Leben dabei zu opfern; es gehöre seinen Untertanen, sie aber möchten die Ehre ihres Königs retten und sich bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Das Lager von Pirna war eingeschlossen, und bald herrschte Mangel darin. Bis aber Hunger das Heer zwang, sich zu ergeben (denn Friedrich wollte kein sächsisch Blut vergießen, da er die Truppen ja seinen eige- nen einzugliedern wünschte), verging viel kostbare Zeit, nicht ungenutzt von den Österreichern. Friedrich, der sich zu Dresden aufhielt, wo er drakonische Maßregeln durch gewinnende Formen annehmbar zu machen suchte, war vornehmlich darauf bedacht, die Öffentlichkeit mit Hilfe des sächsischen Archivs davon zu überzeugen, daß er sich im Stande der Notwehr befinde. Aber auch hierbei stieß er auf erbitterten Widerstand, den er brechen mußte, auf die Wahrscheinlichkeit hin, die Welt dadurch noch mehr gegen sich aufzubringen. Die Staatspapiere befanden sich im Schlosse, in der Obhut der Königin von Polen, die dort mit ihren Kindern residierte. Sie verabscheute Friedrich und setzte seinem Ansinnen, ihm die Dokumente auszuliefern, eine entschiedene Weigerung entgegen. Aber Friedrich war nicht der Mann, Gewalt zu scheuen, auch nicht einer Dame gegenüber. Er schickte einen General zur Königin mit dem gemessenen Befehl, die Kassette, worin die Geheimverträge verschlossen waren, unbedingt und, wenn es nötig sei, unter Anwendung von Zwangsmitteln herbeizuschaffen. Die Szene in den Gemächern der Königin wird verschieden geschildert; auf jeden Fall war ihr Verlauf äußerst demütigend für Augusts Frau. Sie sträubte sich aus aller Kraft und mit allem Stolz, die diskreten Papiere herauszugeben; man sagt, daß sie die Eingangstür zum Archiv mit ihrem Körper gedeckt habe; andere bekunden, sie habe sich auf die Truhe gesetzt, worin die Verträge geruht; ja, wieder andere sagen, die Kassette sei in ihrem Bett verborgen gewesen, und Friedrichs General, nachdem er einen Fußfall getan, habe sich nicht gescheut, diesen Ort zu verletzen. Kurz, die Königin mußte sich fügen, und Friedrich erhielt die Papiere. Er ließ sie alsbald publizieren; aber der Nutzen, den ihm die Veröffentlichung brachte, wog den Schaden nicht auf, den die neuerdings von ihm bekundete Brutalität seiner Sache zufügte. Die Königin rief die fremden Gesandten zusammen, schilderte ihnen mit emphatischen Worten, was man ihr angetan, und fügte hinzu, daß in ihrer Person alle Herrscher beschimpft seien. Ihre Tochter, die in Frankreich Dauphine war, warf sich Ludwig XV. öffentlich zu Füßen und beschwor ihn schluchzend, die Leiden ihrer Mutter zu rächen. — ein Auftritt, der ganz Europa zu Tränen des Mitgefühls und des Zornes rührte. Der französische Gesandte in Berlin erhielt den Befehl, sofort und ohne Verabschiedung aufzubrechen. Dem preußischen Gesandten in Versailles wurde der Hof verboten. Es kam hinzu, daß die Königin von Polen bald darauf starb — erwürgt, wie jedermann sagte, durch den ihr angetanen Schimpf. Da sie konspirierte und hetzte, hatte Friedrich sie streng bewachen lassen, und weitere Kränkungen waren ihr nicht erspart geblieben. „Der König von Preußen“, berichtete Graf Vitzthum, „hat die Königin nicht behandelt wie eine Fürstin, sondern wie eine gefangene Marketenderin in der Mitte einer feindlichen Armee. Daran ist sie gestorben.“ Die Empörung gegen Friedrich war grenzenlos. Sie war in der Tat so tief und allgemein, daß einem minder festen und höhnischen Herzen, als dem seinen, wohl davor hätte grauen dürfen, ja, daß auch diesem Herzen vielleicht zuweilen davor gegraut hat. In Frankreich, einem Lande, mit dem er ja geistig sehr verbunden war, galt er einfach für einen Wilden, man nannte ihn dort nicht anders als „Barbar“ und „Ungeheuer des Nordens“. Aber er hätte den Globus nach einer Spur von Sympathie und Verständnis absuchen können und hätte keine gefunden... Kein Ort in der Welt, wo er damals nicht ein Feind der Menschheit genannt worden wäre, ein reißendes Tier, das unschädlich zu machen eine Forderung der Moral und der öffentlichen Sicherheit sei. Er mußte zu Boden geschlagen und auf immer in Ohnmacht gehalten werden. Nicht nur Schlesien mußte man ihm nehmen, nein, auf den Stand vor dem Dreißigjährigen Krieg mußte Preußen zurückgebracht und sein König wieder zum kleinen Marquis gemacht werden, der niemandem würde schaden können. Ja, die Stunde war gekommen, wo die zivilisierten Staaten den preußischen Geist ausrotten mußten, damit der Planet von diesem Giftpilz gesunde. Selbst wer ruhig dachte, mußte sich achselzuckend sagen, daß Preußen offenbar nichts übrigbliebe, als unter dem Haß und der Verachtung der ganzen Welt zu verschwinden. Sieht man völlig ab von den realen Machtmitteln, die ein solcher Haß zu seiner Betätigung etwa aufzustellen vermag, so bleibt er an und für sich entgegenerregend. Etwas Geistiges zu fürchten ist keine Schande; es gehört weniger Feigheit dazu, als zur Furcht vor physischen Gewalten. Unwägbarkeiten sind es, auf welche die beste Siegeszuversicht sich gründet; darum ist es nicht Schwäche und Unvernunft, das Unwägbare, ja Irrationale, sofern es feindselig ist, mit Besorgnis ins Auge zu fassen. Der Haß und Abscheu gegen Preußen mochte so unbelehrt und irregeleitet wie immer sein: die Frage, die sich erheben mußte, war die, ob es menschenmöglich und denkbar sei, daß es gegen einen so allgemeinen Gefühlsdruck sich behaupten und den Sieg davontragen werde. Es gehört mehr Nerv dazu, einer Übermacht von Rechtsgefühl die Stirn zu bieten, als einer überlegenen Truppenmacht zu trotzen. Friedrich mußte sich sagen: daß, wenn er unterläge, der Hohn und die Freude der Welt grenzenlos sein würden; daß ihm in diesem Falle nicht nur niemals Gerechtigkeit zuteil werden würde, sondern daß er dann auch tatsächlich im Unrecht würde gewesen sein. Eben deshalb war es bitter nötig, daß er siegte. Er war nicht im Recht, sofern Recht eine Konvention, das Urteil der Majorität, die Stimme der „Menschheit“ ist. Sein Recht war das Recht der aufsteigenden Macht, ein problematisches, noch illegitimes, noch unerhärtetes Recht, das erst zu erkämpfen, zu schaffen war. Unterlag er, so war er der elendeste Abenteurer, „un fou“, wie Ludwig von Frankreich gesagt hatte. Nur wenn sich durch den Erfolg herausstellte, daß er der Beauftragte des Schicksals war, nur dann war er im Recht und immer im Rechte gewesen. Jede Tat, die diesen Namen verdient, ist ja eine Probe auf das Schicksal, ein Versuch, Recht zu schaffen, Entwicklung zu verwirklichen und die Fatalität zu lenken. Und der Haß gegen den Täter ist psychologisch genommen nichts weiter als ein Versuch, den Spruch der Geschichte gegen ihn zu beeinflussen, — ein naiver und irrationaler Versuch, da ja der Spruch im voraus feststeht, ein geistiger Druck aber doch, der dem Tapfersten wohl Schrecken erregen kann. König Friedrich wird „der Große“ genannt, nicht nur, weil er die Fatalität mit so außerordentlicher Keckheit attackierte, sondern namentlich auch, weil er einem so gewaltigen Gegendruck von Haß, einsam, mit fast übermenschlicher Nervenkraft Widerpart zu halten vermochte. Die ganze seelische Bitternis aber, der ganze Rechtspessimismus des Schicksalsversuchers spricht aus seinem Wort: „Arme Sterbliche, die wir sind! Die Welt beurteilt unser Handeln nicht nach unseren Gründen, sondern nach dem Erfolg. Was bleibt uns also zu tun? Wir müssen Erfolg haben.“ Und nun stellten sie Machtmittel auf, Truppenkörper, Heere in fast lächerlicher Übermacht, um ihn in kürzester Zeit und ohne Beschwerde für den einzelnen niederzuwerfen und aufzuteilen: Jeder freute sich auf sein Stück. Elisabeth von Rußland erwies sich als zähe Natur, sie erlag ihren Liebhabereien noch lange nicht, sondern trat vor allen Dingen einmal dem Versailler Vertrage bei und schloß eine besondere Vereinbarung mit Österreich, daß sie achtzigtausend Mann gegen Friedrich stellen und mit ihrer Flotte die preußische Küste beunruhigen wolle. Frankreich, das sich bis dahin noch immer hatte bitten lassen, legte auf einmal einen hysterischen Eifer an den Tag; es konnte gar nicht genug Anerbietungen machen. Durch den Einfall in Sachsen, schrie es, sei der Westfälische Friede verletzt, schmählich verletzt sei er, und die Ehre aller Garanten dieses Friedens erfordere, daß sie gemeinsam den Untäter exekutierten. Ein zweiter Vertrag von Versailles entstand, dahin lautend, daß Frankreich einhunderttausend Mann liefern und zwölf Millionen Gulden jährlicher Hilfsgelder so lange an Österreich zahlen wolle, bis daß dieses im sicheren Besitz von Schlesien und Preußen auf den Umfang vor dem Dreißigjährigen Krieg zurückgeführt sein werde. (Aber dann müßte Frankreich heute noch zahlen.) Der Krieg gegen Preußen, das Bündnis mit Österreich war jetzt in Paris so populär, daß die französische Akademie einen Preis für die beste Lobschrift in Versen auf dieses Bündnis aussetzte, was aber sogar die französische Regierung so albern fand, daß sie es untersagte. Noch nicht genug: Friedrich bekam es auch mit dem „Reiche“ zu tun. Seine Tat, hieß es, sei ein Bruch des Reichsfriedens. Der Kaiser forderte ihn auf, von seiner unerhörten, frevelhaften Empörung abzulassen, dem König August alle Kosten zu erstatten und dessen Lande zu räumen. Ferner befahl er Friedrichs Generalen, ihren gottlosen Herrn zu verlassen und seine entsetzlichen Verbrechen nicht zu teilen. Und da das im geringsten nichts half, so stand ganz Deutschland (das blinde Deutschland!) gegen Friedrich auf, sechzig Fürsten erklärten sein Verfahren für einen Raubanfall, und der Reichsexekutionskrieg, die Aufstellung eines Reichsheeres gegen ihn ward feierlich beschlossen. Schweden, ebenfalls Mitunterzeichner des Westfälischen Friedens und von Frankreich gegängelt, mußte sich wohl oder übel zur Eroberung von Pommern entschließen. Und so standen denn Völker in einer Kopfzahl von beiläufig hundert Millionen gegen ungefähr fünf Millionen; vierzehn Fürsten gegen einen; siebenhunderttausend Mann Truppen gegen zweihundertsechzigtausend. Friedrich sagte sehr wenig, wenn er sagte, daß es „auf Kopf und Kragen“ gehe. Niemand in der Welt zweifelte, daß es in der allerkürzesten Zeit mit ihm zu Ende sein werde. Es wird uns die größte Freude machen, einige Stellen aus seinen Briefen von damals auszuziehen. Man erinnert sich dabei in absonderlicher Richtung, nämlich *vorwärts*, — welches entschieden die anregendste Art von Erinnerung ist. An den Marquis d’Argens in Berlin: „Die Franzosen sind verrückt geworden. Man kann sich nichts Unanständigeres denken als die Reden, die sie über mich führen. Man sollte meinen, das Heil Frankreichs hänge von dem Hause Österreich ab, und die Träume der Dauphine haben mehr Eindruck gemacht als mein Manifest gegen die Österreicher und Sachsen. Kurz, mein Lieber, ich beklage die Folgen des Erdbebens, daß das Gehirn aller europäischen Staatsmänner aus dem Geleise gebracht hat, und wünsche Ihnen Ruhe, Gesundheit und Zufriedenheit.“ An den Geh. Legationsrat von Knyphausen in Paris: „Die Intrigen der Österreicher sind schuld daran, daß ich Sie abberufen muß. Sobald Sie Paris verlassen haben, wird nichts mehr den Strom von Lügen meiner Feinde aufhalten können. Sie werden so viel Geschichten erfinden, daß die Franzosen nur mit ihren Augen sehen und mit ihren Ohren hören. Wollen sie meine Feinde sein, gut! Sie selbst haben es gewollt.“ An seine Schwester von Bayreuth: „Aber da die Dinge einmal zum Äußersten gediehen sind, muß man hoffen, daß, wenn die Vorsehung sich herbeiläßt, sich in die menschlichen Jämmerlichkeiten zu mischen, sie nicht dulden wird, daß der Hochmut, der Übermut und die Bosheit meiner Feinde über meine gerechte Sache den Sieg davontragen.“ An Schwerin: „Wir werden, lieber Marschall, viele Feinde zu bekämpfen haben, aber ich fürchte nichts. Ich habe ausgezeichnete Generale, bewundernswerte Truppen, und wenn der Himmel mich nicht des Verstandes beraubt, hoffe auch ich selbst meine Pflicht zu erfüllen ... Man muß alle nur möglichen Anstrengungen machen, um unseren Feinden zu widerstehen; man muß sie niederschmettern und ohne Furcht vor ihrer Zahl noch Macht es sich zur Ehre rechnen, daß man eine schwere Aufgabe zu erfüllen hat. Man bezahlt einen Seiltänzer, aber man gibt nichts für einen Menschen, der zu ebener Ehre auf der Straße geht, und es gibt Ruhm in der Welt nur für die, welche die größten Schwierigkeiten überwinden. Adieu, lieber Marschall, ich umarme Sie ...“ An seine Schwester Amalie: „Der bevorstehende Feldzug ist wie der von Pharsalus für die Römer oder wie der von Leuktra für die Griechen oder wie der von Denain für die Franzosen oder wie die Belagerung von Wien für die Österreicher. Das sind Epochen, die alles entscheiden und die das Gesicht von Europa verändern. Vor ihrer Entscheidung muß man furchtbare Zufälle bestehen, aber nach ihrer Entwicklung klärt sich der Himmel auf und wird heiter. Jetzt heißt es an nichts verzweifeln, aber jedes Ereignis vorauszusehen und das, was die Vorsehung uns zuteilt, mit ruhigem Antlitz ertragen, ohne Stolz über gute Erfolge und ohne sich durch schlechte erniedrigen zu lassen.“ An seine Schwester von Bayreuth: „*Deutschland ist gegenwärtig in einer furchtbaren Krisis. Ich muß alle seine Freiheiten, seine Privilegien und seine Religion verteidigen. Wenn ich diesmal unterliege, wird es darum geschehen sein. Aber ich habe gute Hoffnung, und wie groß auch die Zahl meiner Feinde ist, ich vertraue auf meine gute Sache, auf die bewundernswerte Tapferkeit der Truppen und auf ihren guten Willen vom Marschall bis zum geringsten Soldaten ...*“ An dieselbe: „*Ich bin in der Lage eines Reisenden, der sich von einem Haufen Schurken umringt und im* Begriffe sieht, ermordet zu werden, weil die Räuber seine Habe unter sich verteilen wollen. Seit der Liga von Cambrai hat es kein Beispiel einer Verschwörung gegeben, wie sie dieses verruchte Triumvirat gegen mich geschmiedet hat. Die Sache ist nichtswürdig und eine Schande für die Menschheit und die Sittlichkeit. Hat die Welt jemals gesehen, wie drei mächtige Fürsten ein Komplott schmieden, um einen vierten zu vernichten, der ihnen nichts getan hat? Ich habe weder mit Frankreich noch mit Rußland und am allerwenigsten mit Schweden Differenzen gehabt ... O Zeiten, o Sitten! Da könnte man ja ebensogut unter Tigern, Leoparden und Luchsen leben, als in unserem angeblich gebildeten Jahrhundert Genosse der Mörder, Räuber und verlogenen Ränkeschmiede sein, die die arme Welt regieren. Glücklich ist der, liebe Schwester, der unbekannt lebt und schon in der Jugend vernünftig genug gewesen ist, jeder Art von Ruhm zu entsagen! Er hat keine Neider, weil man ihn nicht kennt und sein Glück die Gier der Gauner nicht herausfordert ... Es ist eine Verschwörung gegen mich angezettelt worden, und der Wiener Hof ließ es sich einfallen, mich zu beleidigen: das zu erdulden war gegen meine Ehre. Nun beginnt der Krieg, und die Schurkenbande fällt über mich her: das ist meine Geschichte.“ An den Minister von Finckenstein: „Seien Sie nicht so furchtsam! Nichts ist bis jetzt verzweifelt oder verloren; solange ich am Leben bin, werde ich standhalten und mich wie ein Löwe verteidigen.“ An seine Schwester von Bayreuth: „Wir müssen uns alle damit trösten, daß unser Jahrhundert eine Epoche der Weltgeschichte bildet und daß wir Zeugen von Ereignissen gewesen sind, wie sie in so außerordentlicher Weise der Wechsel der Dinge seit langer Zeit nicht hervorgebracht hat. Das bedeutet viel für unsere Neugierde, aber nichts für unser Glück. Schließlich zwingen mich diese Schurken von Kaisern, Kaiserinnen und Königen, noch das kommende Jahr auf dem Seile zu tanzen. Ich tröste mich darüber in der Hoffnung, dem einen oder dem anderen kräftige Schläge auf die Nase mit der Balancierstange zu geben. Aber wenn dies geschehen ist, muß man wirklich zum Frieden gelangen. Welche Opfer an Menschen! Welche entsetzliche Schlächterei! Nur schaudernd denke ich daran. Wie dem auch sei, man muß sich ein ehernes Herz anschaffen und sich auf Mord und Metzeleien rüsten, die Vorurteilsvolle heroisch nennen, die aber immer schrecklich sind, wenn man sie aus der Nähe betrachtet.“ An den Earl Marischal: „Sie sagen mir, daß meine Feinde mich bis in den Eskurial verleumden. Ich bin daran gewöhnt. Ich höre über mich nichts als die Unwahrheit. Ich bin vollgestopft mit nichtswürdigen Schmähschriften und gemeinen Lügen, die der Haß und die Erbitterung in ganz Europa fortwährend verbreitet. Man gewöhnt sich jedoch an alles. Ludwig XIV. mußte zuletzt ebenso übersättigt und angeekelt von den Schmeicheleien sein, mit denen man ihm unaufhörlich in den Ohren lag, als ich alle die Schändlichkeiten satt habe, die über mich verbreitet werden. Das sind unwürdige Waffen, die ein großer Fürst niemals gegen seinesgleichen gebrauchen sollte; auf diese Weise erniedrigt man sich gegenseitig und macht das in den Augen des Publikums lächerlich, was das Interesse der Fürsten in Ehren zu halten erheischt.“ An Finckenstein: „Es scheint unglücklicherweise, daß wir noch nicht am Ende unserer Arbeiten sind. Wir haben zu viele Feinde, als daß wir über sie eine Überlegenheit gewinnen könnten, die sie zum Frieden zwingt. Ganz Europa stürzt sich auf uns, es scheint Mode zu sein, unser Feind zu sein, und ein Ehrentitel, zu unserem Verderben beizutragen.“ An Voltaire: „Was Sie anlangt, der Sie sich nicht schlagen, so machen Sie sich um Gottes willen über niemand lustig, seien Sie ruhig und glücklich, da Sie keine Verfolger haben, und verstehen Sie es, ohne Sorgen die Ruhe zu genießen, die Sie endlich erlangt haben, nachdem Sie sechzig Jahre lang hinter ihr hergelaufen sind, um sie zu erwischen ... Sind Sie mit siebzig Jahren noch nicht vernünftig? Lernen Sie endlich in Ihrem Alter, in welcher Art Sie mir zu schreiben haben! Merken Sie es sich, daß es für Schriftsteller und Schöngeister erlaubte Freiheiten und unerträgliche Unverschämtheiten gibt! ... Doch wir wollen nicht weiter davon reden, ich habe Ihnen alles in christlicher Gesinnung vergeben. Alles in allem haben Sie mir mehr Spaß gemacht als Schaden zugefügt. Ihre Schriften erheitern mich mehr, als mir Ihre Krallen wehe tun ... Sie schreien so laut nach Frieden, daß es sich eher für Sie ziemte, mit der edlen Frechheit, die Ihnen so gut steht, gegen alle die zu schreiben, die den Abschluß des Friedens verzögern ... Ungeachtet aller eurer Bemühungen werde ich doch den Frieden nicht anders unterzeichnen als auf Bedingungen, die sich mit der Ehre meiner Nation vertragen. Die Leute in Ihrem Vaterlande, so aufgeblasen sie von Eitelkeit und Albernheit sind, können sich auf diesen unwiderstehlichen Ausspruch verlassen ...“ An Ferdinand von Braunschweig: „Wenn Frankreich nicht seinen Frieden mit England schließt, sind wir rettungslos verloren, weil wir zu viele Feinde haben, weil es zu viele Leute gibt, die durch die uns zugestoßenen Unfälle entmutigt sind, und weil die innere Vortrefflichkeit unserer Truppen offenbar zurückgegangen ist. Sie können nur jetzt an meine Grabschrift denken. Das große Unheil wird erst Mitte Juli hereinbrechen, aber dann wird auch alles rettungslos verloren sein. Sie wissen, daß ich im allgemeinen kein Schwarzseher bin, aber jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, anders als schwarz zu sehen ...“ An d’Argens: „Die Franzosen sind drollige Narren: Ich liebe die Feinde, die Stoff zum Lachen geben, und hasse meine mürrischen, von Stolz und Unverschämtheiten strotzenden Österreicher, die zu nichts taugen, als einen zum Gähnen zu bringen ...“ An denselben: „Sie schätzen das Leben als ein Sybarit, und ich betrachte den Tod als ein Stoiker. Nie werde ich den Augenblick überleben, der mich nötigt, einen nachteiligen Frieden zu schließen; kein Beweggrund, keine Beredtsamkeit wird imstande sein, mich dahin zu bringen, daß ich meine Schande unterschreibe... Ich habe es Ihnen gesagt und wiederhole es: Nie wird meine Hand einen schimpflichen Frieden unterzeichnen. Ich bin fest entschlossen, in diesem Feldzuge alles zu wagen und die verzweifeltsten Dinge zu unternehmen, um zu siegen oder ein ehrenvolles Ende zu finden.“ — „Die Verteidigung“, sagt Ranke, „gab ihm ein hohes Ansehen in der europäischen Staatenwelt. König Friedrich wurde, indem er sich verteidigte, zum großen Mann des Jahrhunderts.“ Das ist wahr und auch wieder nicht — sofern es nämlich Friedrichs Kampf gegen Europa als einen reinen Verteidigungskrieg ansprechen will. Die Streitfrage der Historiker, ob er das wirklich gewesen — oder nicht vielmehr ein Angriffskrieg, will nicht verstummen, sie ist heute lauter als je; und doch liegen die Dinge zu verschränkt, als daß eine schlicht entscheidende Antwort am Platze wäre. In seinen allerletzten Gründen war dieser ungeheuerliche Kampf ein Angriffskrieg: denn die junge, die aufsteigende Macht ist psychologisch genommen immer im Angriff, und die anderen, die bestehenden Mächte sind es, die sich gegen sie zu verteidigen haben. Etwas weiter gegen die Oberfläche war er ein Verteidigungskrieg: denn Preußen war ja „eingekreist“ und sollte baldtunlichst vernichtet werden. Er war dann wieder ein Angriffskrieg, indem Friedrich ihn zuvorkommend vom Zaune brach. Er war abermals ein Verteidigungskrieg: denn einer gegen fünf, das läuft jedenfalls auf Verteidigung hinaus, auch wenn der eine die Kriegserklärung versandt — oder es vielmehr auch noch unterlassen hat, sie zu versenden. Und er war fünftens wieder ein Angriffskrieg, indem die schwerste und verzweifeltste Verteidigung sich notwendig in die Form des Angriffs rettet. „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „Angriff, Angriff!“ „Attaquez donc toujours!“ Darauf hatte er instinktmäßig seine Truppen eingeübt, das hatte er ihnen selbst zum Instinkt gemacht, und damit führte er den Krieg, ungeachtet der Freundesstimmen, die ihn ermahnten, sich doch ja „*defensiv*“ zu verhalten — in Situationen wie die vom Jahre 1759, als ihm die Russen zur Linken, Daun zur Rechten und die Schweden im Rücken standen. Was er an Bundesgenossenschaft besaß, war der Rede nicht wert. England betrachtete ihn als seinen Soldaten gegen Frankreich, es ließ sich gefallen, daß er Frankreichs Kräfte in Europa band, damit England sich ungestört die französischen Kolonien in Amerika aneignen könnte; aber es weigerte sich im Interesse seines Geschäftes, ihn in der Ostsee gegen Rußland zu entlasten, es zahlte Hilfsgelder, solange es Lust hatte, und als es keine Lust mehr hatte, stellte es die Zahlungen ein. Man weiß, der Kampf dauerte sieben Jahre, — diese alte Märchenzahl von Prüfungsjahren, und er ging ein wenig hinaus über das, was den Prinzen und Müllerburschen des Märchens an Prüfung auferlegt zu werden pflegt, — er war ohne Übertreibung die schrecklichste Prüfung, die eine Seele überhaupt jemals auf Erden zu bestehen gehabt hat. Um sie zu bestehen, dazu gehörten passive und aktive Eigenschaften, ein Maß von durchhaltender Geduld und von erfindungsreich-tätiger Energie, wie unseres Wissens weder vorher noch nachher ein Mensch sie bekundet oder zu bekunden Gelegenheit gehabt hat. Sieben Jahre lang zog König Friedrich umher und bataillierte, schlug hier den einen Feind und dort den anderen, ward auch geschlagen, geschlagen bis zur Vernichtung, richtete sich zitternd wieder empor, weil ihm etwas einfiel, was vielleicht noch versucht werden konnte, versuchte es mit unerhörtem, ganz unwahrscheinlichem Glück und kam noch einmal davon. Immer im schäbigen Waffenrock, gestiefelt, gespornt und den Uniformhut auf dem Kopf, atmend jahraus, jahrein im Dunst seiner Truppen, in einer Atmosphäre von Schweiß, Leder, Blut und Pulverdampf, ging er, zwischen zwei Schlachten, zwischen einer trostlosen Niederlage und einem unglaubhaften Triumph, in seinem Zelt hin und her und blies auf der Flöte, kritzelte französische Verse oder zankte sich brieflich mit Voltaire. Seine Mutter starb, ohne daß er sie noch einmal gesehen hätte, und nun fühlte er sich verlassener als je. Seine Lieblingsschwester starb — mon Dieu, ma sœur de Bayreuth! — und sein Weh über diesen Verlust zeugt für die Sensitivität seines bösartigen Herzens. Mit der Zeit wurde er sich selber grotesk, er übersah nicht die fürchterliche Komik seines Daseins, er verglich sich mit Don Quijote, mit dem Ewigen Juden. „Der Stier muß Furchen ziehen,“ sagte er, „die Nachtigall singen, der Delphin schwimmen, und ich — muß Krieg führen.“ Er kam sich verdammt vor, Krieg zu führen bis zum jüngsten der Tage und wurde sich selber zum Spuk. Auch die gräßliche Müdigkeit der Gespenster war ihm vertraut, ihre jammervolle Sehnsucht nach Ruhe. „Selig die Toten! Sie sind geschützt vor Kümmernissen und allen Sorgen.“ Er trug Gift bei sich für den äußersten Fall, aber obgleich der äußerste Fall mehr als einmal eingetreten schien, nahm er das Gift doch nicht, sondern es fiel ihm noch etwas ein, und der äußerste Fall ging vorüber. Unter den entsetzlichen Strapazen, den krassen Wechselfällen, der unaufhörlichen Spannung alterte das „niedlichste Menschenkind“ rapide. Die Zähne fielen ihm aus, sein Kopf ergraute auf einer Seite, sein Rücken krümmte sich, sein Körper ward gichtisch und schnurrte ein. Außerdem litt er an Diarrhöen. Es war in der Tat die Qual der Verdammten. Aber sein Ruhm wuchs unterdessen, — seine Vergehen, seine Völkerrechtsbrüche gerieten in Vergessenheit, aber sein Ruhm als der eines Gottgeschlagenen und Götterwählten wuchs auf wie ein Baum und überschattete das Jahrhundert. Nicht nur, daß er, der bei Roßbach die Scharen des Marschalls Soubise zu Paaren trieb — eben jene Franzosen, die das Elsaß gestohlen und die Pfalz ausgebrannt hatten —, den Deut- schen zum gemeinsamen Helden wurde, zu einem Symbol, in dessen Verehrung ihr zerrissenes Gefühl sich zum erstenmal wieder einigte. Sondern seine Taten und Leiden erwarben ihm die Teilnahme, die populäre Begeisterung aller Völker. Ja, seine Niederlagen nicht weniger als seine Siege beschäftigten nah und fern die Herzen der Menschen, das Groteske, das Don Quijotehafte seines Daseins trug dazu bei, seine Figur zu vergrößern und volkstümlich zu machen, sein Bild mit dem hinuntergezogenen Mund, den glanzblauen Augen und dem dreieckigen Hut, mit Krückstock, Stern, Fangschnur und Kanonenstiefeln hing in Hütte und Haus; er wurde legendär bei lebendigem Leibe. Von nun an hieß er „Der alte Fritz“ — ein schauerlicher Name, wenn man Sinn fürs Schauerliche hat; denn es ist wirklich im höchsten Grade schauerlich, wenn der Dämon populär wird und einen gemütlichen Namen erhält. Er hatte den Haß, den physischen Gegendruck einer Welt überwunden, und damit waren der physischen Macht seiner Feinde wichtige Stützen entzogen. Ein übriges tat sein moralischer Radikalismus, die Tiefe seiner Entschlossenheit, die ihn den anderen so widerwärtig zugleich und entsetzlich, wie ein fremdes und bösartiges Tier erscheinen ließ, so daß ihnen zuletzt vor ihm graute. Sein sittlicher Vorteil war, daß es für ihn um Tod und Leben ging; das gab ihm eine Unbedingtheit, von der die anderen nichts wußten. Von seinem strategischen Genie schweigen wir, da wir nur laienhaft davon zu reden verstünden. Von seinem „Glück“ mögen wir nicht sprechen, da es immer töricht ist, das Glück als ein Unverdienst von den Verdiensten abzusondern; es gehört dazu. Doch wenn man denn will, so hatte er auch „Glück“. Er war im Begriffe, zugrunde zu gehen, als Elisabeth von Rußland ihren Liebhabereien erlag und sein armer Tropf namens Peter zum Thron gelangte, der Friedrich blöde verehrte und nachäffte und sofort mit ihm Frieden schloß. Aber der König mußte noch ein paar Schlachten gewinnen, bevor man endgültig einsah, daß nichts mit ihm anzufangen war, und erschöpft von ihm abließ. Er kehrte nach Hause zurück. Er hatte nichts Greifbares gewonnen, und seine Länder waren verheert, verwildert, verarmt, entvölkert. Aber Preußen stand, nicht ein Dorf hatte es verloren, Schlesien war bewährt und Zweck und Ziel der großen Koalition vollkommen verfehlt. Das war eine schwere Demütigung des Erdteils durch den einen Mann. Der Spruch des Fatums hatte gegen alle Wahrscheinlichkeit für ihn entschieden, das Urteil anzufechten war untunlich auf lange Zeit, man mußte Preußen, mußte Deutschland den Weg freigeben, — welcher sich auch hinfort als ein Weg erwies, so steil und schicksalsvoll, an mächtig erzieherischen Wendungen so reich, wie keiner, den ein Volk je gegangen. Was Friedrich betraf, so war sein Lebensabend, der sich noch lange hinzog, kalt, trübe und abstoßend. Sein Charakter war nach den furchtbaren sieben Jahren noch höhnischer und boshafter denn zuvor. Da er übermenschlich gekämpft und gelitten hatte, sah er in allem Menschenvolk um ihn her nur Pack und kinderzeugendes Gesindel. Es bleibt unverständlich, warum er, bis an den Hals voll Verachtung, für dieses Gesindel so ungeheuerlich zu arbeiten fortfuhr, rastlos sich der Aufgabe unterzog, das Unglück, das er verursacht hatte, wieder gutzumachen, dem Ackerbau, den Finanzen seines Landes zur Genesung half, ganze Industrien hervorrief, eine weitere Provinz hinzuerwarb und sie durch großartigste Kolonisation aus ihrem vernachlässigten Zustande erhob, — wenn man sein Pflichtgefühl nicht als eine Art von Besessenheit und ihn selbst nicht als Opfer und Werkzeug höheren Willens begreift. Sein Fleiß war kalte und glücklose Passion. Ausgebrannt, öde und bös, liebte er niemanden, und niemand liebte ihn, sondern sein königliches Dasein bildete einen lastenden, entwürdigenden Druck für alle Welt. Um ein wenig tierische Wärme zu empfinden, ließ er seine Lieblingswindhündin des Nachts sein Lager teilen. Er hielt sich mehrere Hunde und wollte neben ihnen begraben sein. Als der letzte davon verendete, weinte er tagelang. Seine Philosophen zu „brouillieren“ machte ihm noch eine Weile Vergnügen; dann setzte er sie vor die Tür. Denn während er früher nur die Religionen verhöhnt hatte, verhöhnte er später auch die Philosophie, indem er erklärte, daß es für jedermann wichtiger sei zu verdauen, als das Wesen der Dinge zu erkennen. Übrigens verdaute er sehr schlecht, da er es nicht lassen konnte, sich täglich mit höllisch überwürzten Speisen zu verderben. Als er, vierundsiebzig Jahre alt, nach qualvoller und widerwärtiger Krankheit starb, „war alles totenstill“, wie es heißt, „aber niemand war traurig“. Man fand sein heiles und sauberes Hemd in seinen Schubladen, und so gab ein Diener eins von den seinen her, womit man die Leiche bekleidete. Sie war klein wie ein Kinderleib. Zuweilen möchte man glauben, er sei ein Kobold gewesen, der aller Welt Haß und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte, ein ungeschlechtlicher, boshafter Troll, den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten, da er entstanden und gesandt war, um große, notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten, — worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand. Das Foppende seines Wesens beruht auf dem Dualismus, den J. J. Rousseau auf die Formel brachte: „Il pense en philosophe et se conduit en roi.“ Das ist eine große Antithese, die viele lebendige Gegensätze umschließt: den Gegensatz, zum Beispiel, von Recht und Macht, von Gedanke und Tat, Freiheit und Schicksal, Vernunft und Dämon, bürgerlicher Sittigung und heroischer Pflicht. Solche Gegensätze, vereinigt und zum Streit der Instinkte geworden in einem Geist und Blut, — das ergibt selbstverständlich kein wohliges, logisches und harmonisches Leben. Es ergibt Ironie nach beiden Seiten hin, eine radikale Skepsis, einen im Grunde nihilistischen Fanatismus der Leistung und eine so bösartige als melancholische Souveränität. Friedrich schrieb den „Antimacchiavell“, und das war nicht Heuchelei, sondern Literatur. Er liebte den humanen Geist, die Vernunft, die trockene Helligkeit, — liebte sie problematischerweise, aus der dämonischen und werkzeughaften Gebundenheit seines Wesens. So liebte er Voltaire, den Sohn des Geistes, den Vater der Aufklärung und aller antiheroischen Zivilisation. Er küßte die magere Hand, welche schrieb: „Ich hasse alle Helden“, und er selber ironisierte den Kampf der sieben Jahre mit dem Worte „heroische Schwachheiten“. Aber er setzte auch schwarz auf weiß: Wenn er eine Provinz recht hart strafen wollte, so würde er sie von Literaten regieren lassen; seine Aufgeklärtheit war so oberflächlich, daß er sich für kugelfest hielt; und wenn er ausdrücken will, was ihn eigentlich bewogen habe, die süße Ruhe eines der Literatur gewidmeten Lebens gegen die furchtbaren Anstrengungen und blutigen Schrecken des Krieges einzutauschen, so spricht er zusammenfassend von einem „geheimen Instinkt“. Was er so nennt, war stärker in ihm als die Literatur; es leitete sein Handeln, bestimmte sein Leben; und es ist durchaus eine deutsche Denkbarkeit, daß dieser geheime Instinkt, dies Element des Dämonischen in ihm überpersönlicher Art war: der Drang des Schicksals, der Geist der Geschichte. Er war ein Opfer. Er meinte zwar, daß er sich geopfert habe: seine Jugend dem Vater, seine Mannesjahre dem Staate. Aber er war im Irrtum, wenn er glaubte, daß es ihm freigestanden hätte, es anders zu halten. Er war ein Opfer. Er mußte unrecht tun und ein Leben gegen den Gedanken führen, er durfte nicht Philosoph, sondern mußte König sein, damit eines großen Volkes Erdensendung sich erfülle. Geschrieben Dezember 1914 An die Redaktion des „Svenska Dagbladet“, Stockholm Ich komme spät dazu, Ihre Rundfrage zu beantworten, — sie lag mir nicht recht, brannte mir nicht sonderlich auf den Nägeln: erstens, weil, wie ich mich keinen Augenblick zu bekennen schäme, mein Fragen und Denken jetzt dem Schicksal meines Landes, dem schweren Kampfe Deutschlands um sein Erdenrecht, gehört, und zweitens, weil ich die Thatsache, daß die Chemieprofessoren sich von wegen der Politik persönlich überwerfen, für geistig vollkommen belanglos halte. Ich werde am Schlusse sagen, warum. Vorderhand lassen Sie mich zur Entschuldigung meiner Lauheit bemerken, daß wir Deutschen uns von der Verpflichtung, der Solidarität des Menschengeschlechtes schwärmerisch eingedenk zu sein, für den Augenblick wohl einigermaßen entbunden fühlen dürfen./Sie sorgen sich um die Einheitlichkeit Europas? Aber *Europa* ist ja einig, — viel mehr noch, die *Welt* ist einig (oder war es doch während der ersten Monate nach Einbruch der Katastrophe): und zwar gegen Deutschland. Was dieses Volk — reden wir mit ganz ruhiger Stimme! — was dieses Volk sich seit Kriegsbeginn hat sagen und antun lassen müssen, das war.... ein wenig weitgehend, es war danach angetan, selbst das national unzuverlässigste Einzelwesen zu nationaler Parteinahme zu erregen. Ich zeige Ihnen ein Bildchen. Ein Senegalneger, der deutsche Gefangene bewacht, ein Tier mit Lippen so dick wie Kissen, führt seine graue Pfote wie Kelle entlang und gurgelt: „Man sollte sie hinmachen. Es sind Barbaren.“ Nun? Ich hoffe, mein Bildchen gefällt Ihnen? Aber vielleicht werden Sie es verstehen, wenn wir Deutschen das „Menschengeschlecht“ eine Zeitlang im Bilde dieses seines angenehmen Beauftragten erblickten. Kurz, was ist es mit Deutschland? Welches sind seine Verbrechen? — Es hat, heißt es, den Krieg gewollt und angefangen. Und es hat auch sonst barbarische Grundsätze an den Tag gelegt. — Darf ich darauf noch heute zwei einfache Worte erwidern? Vor allem, meine ich, sollte das bildungsstolze Europa sich seiner mühsam eroberten psychologischen Gesittung nicht so wütend entäußern — bei der ersten Gelegenheit, wo es sich lohnen würde, davon Gebrauch zu machen; es sollte nicht so schuljungenmäßig über „Schuld“ und „bösen Willen“ perorieren, während es genau weiß, daß die Frage, ob Deutschland den Krieg gewollt hat, in die Schlünde des nie ausgedachten Problems von der Willensfreiheit führt und daß es nur für die Tapferkeit und den Menschenstolz eines Volkes spricht, wenn es frei zu wollen sich entschließt, was das Verhängnis ihm zu wollen auferlegt. Wer die Geschichte Friedrichs des Großen kennt und liebt, ist erschüttert und fast entzückt über die erstaunliche Ähnlichkeit der inneren Sachlage vom Hochsommer 1914 mit der vom Hochsommer 1756. Wie sehr muß der König die Beflissenheit verachtet haben, mit welcher der Klüngel drüben sich unschuldig zu halten, defensiv zu tun und sich in das Odium des Angreifers zuzuschieben trachtete, — ihm, der erhaben war über die Heuchelei oder Einfalt einer Psychologie, welche zwischen „Offensive“ und „Defensive“ säuberlich unterscheidet, und der Schuld und Odium gar nicht fürchtete! Welche Duckmäuserei, durchaus nicht schuldig werden, nicht schuldig sein zu wollen! Gut! Angenommen und versuchsweise eingeräumt, daß die unmittelbare Initiative zu diesem Kriege bei Deutschland gewesen wäre, — war denn der Zustand Europas vor dem Kriege so köstlich, war er liebevoller Erhaltung so wert, daß es abscheulich genannt werden dürfte, seinen Umsturz in die Wege geleitet zu haben? War dieser Zustand nicht vielmehr als unmöglich, unhaltbar, unerträglich allgemein anerkannt? Das Gleichgewicht Europas ... aber das war die Ohnmacht Europas, war seine Blamage gewesen, mehr als einmal, und wenn diese in eifersüchtigem und gespanntem Gleichgewicht schwebende Ohnmacht des Kontinents von jeher im Interesse einer politisch außereuropäischen, ja antieuropäischen Weltmacht gelegen war, so stand nirgends geschrieben, daß besagtes Interesse für alle Ewigkeit ausschlaggebend bleiben müsse. Ein wenig Mut zur Geistesklarheit, meine Herrschaften! Zum Kriegführen gehören zwei oder mehrere, und wenn nur Deutschland bereitgewesen wäre, es auf die ultima ratio ankommen zu lassen, wenn nicht auch die anderen den Krieg, wie die korrekte Redensart lautet, „in ihren Willen aufgenommen“ gehabt und ihn einem diplomatischen Erfolge Deutschlands begeistert vorgezogen hätten, — nun! so wäre er nicht gekommen. Hatten nicht alle ihre Hoffnungen und Wünsche? Waren nicht alle am Kriege interessiert? Rußland wollte Konstantinopel und das offene Meer gewinnen, Frankreich die verlorenen Provinzen zurückerobern, England die deutsche Konkurrenz zu Boden schlagen, und alle miteinander gaben sie sich der innigen Hoffnung hin, Deutschland unschädlich zu machen. Das alles war ohne Krieg nicht möglich. Nur Deutschland hätte, um seinen Weg zu machen, den Krieg nicht nötig gehabt. Und doch hat es die Offensive ergriffen. Man könnte einwenden, daß ein Angriff ja aus Not geschehen könne und dann also kein Angriff mehr sei, sondern eine Verteidigung. Aber Deutschland hat die Offensive ergriffen. Wenn Drei gegen Einen stehen, sollte es dann jemals den Dreien sehr schwer fallen, den Einen in die Offensive zu drängen? Nein, nicht sehr schwer; eher leicht. Dem steht jedoch die Tatsache gegenüber, daß Deutschland den Krieg, den „Präventivkrieg“, gewollt hat. Es hätte seinen netten Präventivkrieg haben können, als England im Burenkrieg lag, Frankreich sein Pulver hatte und Rußland mit den Japanern nicht so ganz fertig geworden war. Es hat ihn nicht haben wollen. Aber jetzt hat es die Offensive ergriffen. Wie anständig ist die Tat, die Schicksal bejahende, Schicksal schaffende Tat, im Vergleich mit der schielenden Verlogenheit des Menschenmordes! Aber Deutschland hat die Zivilisation beleidigt, indem es behauptet und danach gehandelt hat, daß Macht vor Recht gehe. — Das ist ein Mißverständnis. Nie hat Preußen-Deutschland das gelehrt. Es hat höchstens und schlimmstens gelehrt und danach gehandelt, daß Not vor Recht gehe und daß Recht — Macht sei. Das ist eine pessimistische Rechtsphilosophie, die ihm in Jahrhunderten des politischen Elends von der Welt aufgedrängt wurde. Die Geschichte der Völker bildet ihre Erziehung, und die Geschichte Deutschlands, die Erziehung, die es durch die Welt erfuhr, war nicht danach angetan, seinen Sinn mit humanitärem Optimismus zu erfüllen. Deutschland war lange ganz Gedanke gewesen. Es kam spät zur Wirklichkeit, und als es sich auf Erden umzusehen begann, ward es gewahr, daß Macht in der Tat für Recht gelte. Man findet es brutal seit einiger Zeit, aber um ihm seelisch einigermaßen gerecht werden zu können, müßte man wissen, daß es sich hier um eine Brutalität aus Gedanklichkeit handelt, um einen gedanklich fundierten Willen zur Welttauglichkeit, Welttüchtigkeit... Versteht man das? Um eine Brutalität, welche durchaus nicht Roheit bedeutet, sondern Korrektur, sondern Resignation. Deutschland, höchst radikal im Geistigen, wollte es nie sein im Wirklichen. Das ist sein Mangel an Generosität, an Kindlichkeit. Es fehlt uns vor der Wirklichkeit die generöse und galante Geste, an welcher die Franzosen festhalten. Bismarcks Positivismus, seine „Realpolitik“, sein Reichsgebilde — das korrespondiert auf tiefe und charakteristische Art mit Kants praktischer Vernunft im Gegensatz zur „reinen“, — deutsch ist der kategorische Imperativ jenseits der abgründigsten Skepsis. Die deutsche Liebe zur Wirklichkeit, wahr und leidenschaftlich wie irgendeine, ist ironisch-melancholisch, etwas düster und letzten Grundes nicht ohne Verachtung. Deshalb sträubt sich die Welt, ihr Spielraum zu geben, diese englische Welt, die vom Cant erfüllt ist und das „Recht“ gegen sie verteidigt, das von der Macht unabhängige Recht, welches sie selbst wohl tausendmal ohne einen Anflug von Schamerröten in den Staub getreten, dessen Verletzung durch Deutschland aber offenbar eine schwere und unleidliche Verzerrung der Natur bedeutet. Wie seltsam ist das! Spricht nicht im Grunde eine fast religiöse Achtung vor Deutschland aus dieser Unduldsamkeit? — Friedliche Neigung des Gemütes zur heimatlichen Flur und Welle, gelehrte und poetische Pflege unserer reichen und tiefen Sprache, — dergleichen Vaterlandsliebe war auch uns Deutschen von jeher erlaubt und erregte den Fremden kein Ärgernis. Irgendwelches Bestehen jedoch auf deutscher Macht und deutschem Erdenrecht — solche Art Patriotismus wird noch heute als eine Verzerrung deutschen Wesens empfunden, als etwas, was uns durchaus nicht, wie anderen Völkern, erlaubt und anständig sei. Der Dualismus von Macht und Geist soll für uns mit einer Unverbrüchlichkeit gelten, die er für andere niemals besaß. Rudyard Kipling etwa ist ein wundervoller Erzähler, ein großer Dichter wohl gar, in den Dschungelbüchern, und er ist englischer Imperialist und versteht sich auf politischen Haß wie einer. Das setzt ihn nicht herab, das entstellt nicht sein Antlitz, kleidet ihn gar nicht schlecht. Gesetzt aber, einen deutschen Schriftsteller oder Künstler ergriffe Zorn wider diejenigen, die einem großen Volke wehren wollen, an der Verwaltung der Erde nach dem Maß seiner spät entdeckten Tüchtigkeit teilzunehmen; die eine hohe und wichtige Spielart des europäischen Geistes auf alle Weise zu verunglimpfen und in den Kot zu zerren trachten und die Horden der Wildnis gegen ein Land heranführen, dessen Meister für die Befreiung und Veredelung der Menschheit so viel getan: pfui über Solchen, er bekundete schimpfliche Hingerissenheit. — Das ist zweierlei Maß; und wer wollte zweifeln, daß es ein ehrenvolles Maß ist, welches damit an den Deutschen gelegt werden soll? Nur ist es ungerecht außerdem, mißverständlich und am Ende gar nur ein Werkzeug der Schlauheit. Das Herz, das Gewissen Europas, das Land des Gedankens, der „Vorstellung“, — erlaubt man ihm den politischen Willen nicht, weil es zu schade dafür ist? Und Kipling dürfte in Gottes Namen dem Nationalhaß und der Machtlust frönen, weil er bloß ein Engländer ist? Ja, Deutschland sollte rein bleiben, rein und willenlos. Die Welt will sich erbauen können in seinem Anblick. Man will es verehren dürfen, indem man es nicht zu fürchten braucht. Aber das ist ein wenig bequem. Dieser Idealismus auf anderer Kosten verträgt sich mit euren Interessen gar zu gut. Deutschland soll euer Gewissen sein, die Zuflucht des Geistes und der Anschauung, und ihr wollt dafür, indem ihr es zwar ehrt aber belächelt, die Vorteile der Erde haben. So war es, und so hätte es bleiben sollen. Wir aber wollen das Schicksal, den sehnsüchtigen Willen, den eigentümlichen Weg eines Volkes ehren, das Männer aus sich hervorbrachte, echte, tiefe Geschöpfe seiner Art, die es zur Wirklichkeit und zum Leben führten. Friedrich und Bismarck sind nicht weniger deutsch als Goethe, — der sich übrigens nach einem starken, „gefürchteten“ Vaterland sehr ausdrücklich sehnte. Es ist Sentimentalität von euch — ich fürchte, es ist Schlimmeres —, Deutschland beständig zuzurufen: Du bist zu gut, um zu sein wie wir! Wir wollen dich daran hindern! Denn wir wollen aufblicken können! Dieser Krieg, für den Deutschland sich vertrauenslos und gewissenhaft bereitet hatte, den es aber nie gewollt haben würde, wenn man es nicht genötigt hätte, ihn zu wollen, warum hat Deutschland ihn begrüßt und sich zu ihm bekannt, als er hereinbrach? — Weil es den Bringer seines Dritten Reiches in ihm erkannte. — Was ist denn sein Drittes Reich? — Es ist die Synthese von Macht und Geist — sie ist sein Traum und Verlangen, sein höchstes Kriegsziel — und nicht Calais oder „die Knechtung der Völker“ oder der Kongo. Es gibt Reaktionäre in Deutschland: das sind die Getreuen des ersten Reiches, des geistigen. Es gibt Konservative: das sind die unbedingten Anhänger des zweiten, des Machtreiches. Und es gibt Gläubige der Zukunft: sie meinen das dritte ... Ich habe es wörtlich sagen hören: „Bei Ausbruch des Krieges herrschte in Deutschland ein Ramschausverkauf aller anständigen Gesinnungen.“ Das ist stark und irrtümlich, also mit einem Worte dumm. Es will heißen, daß unsere Intellektuellen, unsere Gelehrten, unser gebildetes Bürgertum sich des letzten Protestes gegen Bismarck, der letzten Anhänglichkeit an die Ideale von 48 entschlagen und sich blind und wüst der Macht in die Arme geworfen hätten, als jetzt Krieg wurde. Glauben Sie das nicht, dort draußen, ich bitte Sie! Die Ideale von 48, von 1813 hielten Auferstehung in unseren Tagen, die Begeisterung für sie schwang deutlich mit in dem Jauchzen, das Deutschlands Not und Kraft verherrlichte, — der Glaube, das Begreifen, daß diese Ideale, diese Begeisterung nun praktisch möglich sein würden. Der Geist hatte Deutschland nicht schmieden können. Das Machtprinzip hatte den Einheitsgedanken („den Königsgedanken“, wie Ibsens Jarl Skule sagen würde) adoptiert und verwirklicht. Sein blendender und, wenn Sie wollen, verdummender Erfolg hatte den Geist — im liberalen, revolutionären Sinne — aus dem Felde geschlagen, zurückgedrängt, unterdrückt, so daß er teils in leisem Proteste weiterlebte, teils mit dem siegreichen Prinzip seinen Frieden machte. Als aber jetzt die Schicksalsglocke schlug, fühlte er sofort, daß es seine Stunde war, die schlug, daß Deutschland, stark und fest, unbesieglich geworden im — düsteren — Schatten des Machtprinzips, zu dieser Stunde aus der Bismarckschen Epoche hinaus in eine neue trete ... Stets war Erziehung ein Lieblingsbegriff des deutschen Geistes, und nirgends, glauben Sie mir! wird das Erlebnis des Krieges so sehr als ein erzieherisches Erlebnis empfangen und durcharbeitet, wie hier, — ja, Deutschland tritt damit in eine neue Epoche seiner politischen Bildung. Unendlich wissender über sich und andere, unendlich weltkundiger als vordem, noch einmal zur Einheit geformt und gebildet durch das gewaltigste Erlebnis, als gleichberechtigt anerkannt und aufgenommen von der europäischen Staatengesellschaft, wird Deutschland, wenn diese Prüfung bestanden ist, auf das preußische, das Machtprinzip, nicht mehr, wie bisher, zu bauen brauchen, sondern den heiteren Luxus, das Glück (denn Glück ist Luxus) des liberalen Geistes sich gestatten können; es wird auf die Höhe seines Daseins treten, ins Licht, die Heiterkeit, die Humanität, die Freiheit; vollziehen wird sich, mit Karl Lamprecht zu reden, die Ausgleichung mutterländischen und kolonial-deutschen Wesens — das heißt in der Tat die Ausgleichung von Geist und Macht —, die dieser Historiker den wichtigsten Vorgang seit langer Zeit in unserer Geschichte nennt. Dies war die intellektuelle Auffassung des Krieges: daß er ein Befreiungskrieg und ein Freiheitskrieg sei, ein Krieg gegen äußere Einschnürung und gegen innere Verdüsterung. Die Staaten Europas mögen sich sagen, daß mit einem Deutschland, dessen Ebenbürtigkeit, Unantastbarkeit und irdische Gleichberechtigung anerkannt ist, vortrefflich zu leben sein wird; daß aber, wenn das in jedem höheren Sinne Unsinnige geschähe, und Deutschland in seinem Kampfe unterläge, dieses Volk nicht rasten könnte und dürfte, bis es wieder dort stünde, wo es heute steht, und daß in diesem unseligen Falle die Nöte und historischen Wehen Europas noch lange kein Ende finden würden. Deutschlands Selbstbehauptung und Selbsterfüllung, das ist der Friede. Und es wird Friede sein. Die unnatürliche und stupide Welthetze gegen Deutschland, schon jetzt im Ermüden, wird über ein kleines völlig zur Ruhe gekommen sein; die Achtung vor diesem tapfersten Volk der Erde, das einem Druck von Haß, dem wohl jedes andere sittlich erlegen wäre, mit so gewaltiger Gelassenheit Widerpart leistete, — eine Achtung, die schon jetzt in allen Ländern lebendig ist — sie wird überall durchbrechen und zur Herrschaft gelangen, und wer weiß, ob nicht die Gefühlsmode in ihr Gegenteil umschlägt und die Bewunderung sich desto höher schwingt, je toller sich vordem der Abscheu gebärdet. Auf jeden Fall wird Deutschland stehen, end- gültig, bewiesen, anerkannt, und es werden die Völker mit ihm zu leben haben. Denn Deutschland ist ja nicht nur eine physische Macht, es ist vor allen Dingen ein großes seelisches Faktum, ein integrierender Bestandteil des europäischen Geistes, ohne welchen Europa anders aussähe, — unbedeutender höchstwahrscheinlich, aber jedenfalls anders. „Deutschland darf nicht gedemütigt werden“, hat neulich der alte Georg Brandes zu Clémenceaus namenloser Erbitterung geschrieben. Ob er wohl mehr damit meinte, als nur dies, daß die Juden es in Deutschland sehr gut haben? Nein, Deutschland darf nicht gedemütigt, es darf in seinem Inneren nicht zerbrochen, im Glauben an sich selbst durch einen Triumph des west-östlichen Bündnisses nicht verwirrt und erschüttert werden: das darf nicht sein, nicht nur um der deutschen, sondern um der europäischen Zukunft willen.... Um aber auf die internationale Kulturarbeit und die Chemieprofessoren zurückzukommen, so meine ich, daß man sich, wozu gewisse Koryphäen neigen, das europäische Geistesleben, die europäische Öffentlichkeit, nicht unter dem Bilde eines Naturwissenschaftler-Kongresses denken darf, — von welchem Vertreter Deutschlands und Österreichs etwa fortan ausgeschlossen zu bleiben hätten. Außerhalb englischer Laboratorien macht man sich von dieser Öffentlichkeit minder sinnlich-gesellschaftliche Vorstellungen. Das unsichtbare, lautlose und leidenschaftliche Getriebe in den hohen Gegenden des Geistes, an dem wir teilnehmen, wenn wir denken, lesen und schreiben, der Zusammenklang aller Willensmeinungen und Sehnsüchte der ringenden Zeit, die stille Fernwirkung des beseelten Wortes, Freundschaften und Feindschaften über Länder und Epochen hinweg, der Name als Begriff, die Persönlichkeit als Ruhm — nicht wahr, das ist es beiläufig, was wir unter europäischer Öffentlichkeit verstehen? In ihr gibt es keine Versammlungspolizei und keine Berufsschriftstelle. An ihr wird der deutsche Gedanke teilhaben, wie zuvor und mehr als zuvor. Und wer, von Zeitungslitteratur verstört, in dieser Öffentlichkeit Deutschland in Acht und Bann erklären wollte, — seine Lächerlichkeit würde unsterblicher sein als seine Entdeckungen. Geschrieben April 1915 *Sammlung von Schriften* *zur Zeitgeschichte* *Jeder Band gebunden 1 Mark* 1. Band: Aus den Kämpfen um Lüttich. Von einem Sanitätssoldaten. 2. Band: Weltwirtschaft und Nationalwirtschaft. Von Franz Oppenheimer. 3. Band: Der englische Charakter, heute wie gestern. Von Theodor Fontane. 4. Band: Preußische Prägung. Von Lucia Dora Frost. 5. Band: Friedrich und die große Koalition. Von Thomas Mann. 6. Band: Die Fahrten der Emden und der Ayesha. Von Emil Ludwig. Mit 20 Abbildungen. 7. Band: In England — Ostpreußen — Südösterreich. Von Arthur Holitscher. 8. Band: Der deutsche Mensch. Von Leopold Ziegler. 9. Band: Russischer Volksimperialismus. Von Karl Leuthner. 10. Band: Die Flüchtlinge. Von einer Reise durch Holland hinter die belgische Front. Von Norbert Jacques. *S. Fischer · Verlag · Berlin* Werke von Thomas Mann Buddenbrooks Roman. 66. Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 6 Mark Dieser Roman bleibt ein unzerstörbares Buch. Er wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden; eines jener Kunstwerke, die wirklich über den Tag und das Zeitalter erhaben sind, die nicht im Sturm mit sich fortreißen, aber mit sanfter Überredung allmählich und unwiderstehlich überwältigen. (Berliner Tageblatt) Buddenbrooks Roman. Jubiläumsausgabe in zwei Bänden. 50. Aufl. Geh. 10 M., in Leinen geb. 12 M., in Leder 16 M. Der Verlag hat das seltene Ereignis der 50. Auflage durch eine auf Alexandrapapier und mit der Ungerfraktur gedruckte Jubiläumsausgabe gefeiert. Die Ausstattung, auch der gehefteten Ausgabe, ist vorzüglich, sie wird allen, die Sinn für die Gewandung des Buches besitzen, eine rechte Augenweide sein. (Münchener Post) Tristan Novellen. 13. Auflage. Geh. 3 M. 50 Pf., geb. 4 M. 50 Pf. Thomas Mann ist eminent musikalisch ... Sein Stil, ein gemeißelter, bewußt erworbener Stil, ist der Stil eines allmächtigen, durchaus taktfesten — Dirigenten. Er hat Gestalt, Selbstgewicht ... Thomas Mann ist vielleicht der feinste deutsche Prosautor der Jetztzeit. (Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen) Fiorenza Drei Akte. 5. Auflage. Geh. 2 M. 50 Pf., geb. 3 M. 50 Pf. Nach den wundervollen nordischen Buddenbrooks eine wundervolle Dichtung aus dem strahlenden, prunkenden Florenz der Medizäer. Leuchtend und bestrickend ganz aus dem Geiste des dichterischen Gehaltes. (Wiener Zeitung) *Werke von Thomas Mann* *Königliche Hoheit* Roman. 32. Auflage. Geh. 5 M., geb. 6 M. Vor großer Arbeit, sei sie praktischer oder künstlerischer Natur, stehe ich immer in Ehrfurcht. Dieses Werk nun stellt eine so tiefgründige, umfassende und bedeutende Arbeit dar, es gibt eine solche Summe kultureller Schilderungen, gesellschaftskritischer Einsichten, poesievoller Stimmungen, ironischer Randglossen, völligster Menschenkenntnis, daß man in der Überfülle des Erlebens begreifen muß, das Buch ist eine ungewöhnliche Tat! (Hamburger Nachrichten) *Der Tod in Venedig* Novelle. 18. Auflage. Geh. 2 M. 50 Pf., geb. 3 M. 50 Pf. Eine Meisternovelle, wie sie unter den Deutschen unserer Tage kein Zweiter schreiben könnte. Thomas Manns epische Meisterschaft erweist sich weicher und heller als je zuvor. Man muß dieses zweimal lesen, um sich an den Feinheiten der Konstruktion zu erfreuen, um zu beobachten, wie leicht, wie selbstverständlich das geringste Detail dem Plane des Ganzen dient. (Pester Lloyd) *Der kleine Herr Friedemann* (Fischers Romanbibliothek) Geb. 1 M., in Leinen 1 M. 25 Das sind mit die besten deutschen Geschichten, die man seit Saars Novellen bei uns lesen kann. Eigenartig, seltsam, in klarem, bewußtem Deutsch kommen sie bescheiden und siegen, ja sie reißen hin, sie überwältigen. (Die Kritik) *Das Wunderkind* (Fischers Romanbibliothek) Geb. 1 M., in Leinen 1 M. 25 Es ist nur ein gradueller Unterschied, ob Thomas Mann uns in den gewaltigen Bau seiner „Buddenbrooks“ hineinführt oder uns die kleinen Bilder der vorliegenden Erzählungen bringt, deren kürzeste schon durchaus den Stempel dessen trägt, der Tiefstes sieht und Großes schafft. (Sächsische Staatszeitung)